Äthiopien: der Frieden in Tigray, der den Krieg nur vertagte
Vier Jahre nach dem in Pretoria das Friedensabkommen zwischen Äthiopien und Tigray unterzeichnet wurde, kämpfen in Äthiopien ehemalige Feinde gemeinsam als Ethiopian Peoples' Forces Coalition for Survival für den Sturz der äthiopischen Bundesregierung unter Premierminister Abiy Ahmed.
Als tigrayische Streitkräfte am 23. September die Flughäfen von Axum , Shire und den Flughafen Alula Aba Nega in Mekelle (Region Tigray) unter ihre Kontrolle brachten, kehrte der Krieg nicht einfach nach Tigray zurück. Er kehrte in veränderter Gestalt zurück. Kämpfe wurden bald auch aus Amhara und Afar gemeldet, Flugverbindungen unterbrochen, Kommunikationsnetze fielen aus. Die Tigray People’s Liberation Front (TPLF) sprach von einem „Verteidigungskrieg“. Die Bundesregierung beschuldigte dagegen die tigrayischen Kräfte, die Offensive begonnen zu haben. Wer diese Eskalation ausgelöst hat, ist umstritten. Dass die politische Ordnung zerfällt, die seit 2022 Frieden heißen sollte, ist es nicht.
Das Pretoria-Abkommen hatte einen Krieg beendet, dessen Opferzahl auf Hunderttausende geschätzt wird. Es hatte aber wesentliche Ursachen nicht beseitigt: den Streit um West-Tigray, die Rückkehr der Vertriebenen, die Entwaffnung der tigrayischen Streitkräfte und die politische Zukunft der Region. Frieden bedeutete zunächst, dass die großen Armeen nicht mehr aufeinander schossen. Das ist viel. Es ist aber nicht dasselbe wie eine politische Lösung.
Nun trifft dieser unvollendete Frieden auf eine neue Konstellation. Die TPLF ist nicht mehr isoliert. Sie hat sich mit sechs weiteren bewaffneten beziehungsweise oppositionellen Gruppen zur Ethiopian Peoples’ Forces Coalition for Survival zusammengeschlossen. Darunter befinden sich Kräfte, die vor wenigen Jahren noch gegeneinander kämpften. Der alte Feind ist zum neuen Verbündeten geworden, ohne deshalb aufgehört zu haben, ein alter Feind zu sein.
Frieden ohne gelösten Konflikt
Besonders deutlich wird das in West-Tigray. Das Gebiet wurde während des vergangenen Krieges von Kräften aus Amhara kontrolliert. Viele Tigrayer wurden vertrieben. Die TPLF verlangt ihre Rückkehr und beansprucht das Gebiet für Tigray, während auf der Amhara-Seite eigene historische Gebietsansprüche erhoben werden.
Genau hier zeigt sich der Widerspruch der neuen Allianz. TPLF und Teile der Fano-Bewegung können gemeinsam gegen die Bundesregierung kämpfen und zugleich dasselbe Territorium beanspruchen. Ihre Kooperation löst diesen Konflikt nicht. Sie vertagt ihn bis zu jenem Augenblick, in dem der gemeinsame Gegner nicht mehr genügt, um ihn zu überdecken.
Auch innerhalb Tigrays ist die Lage eine andere als 2020. Reuters berichtet über Proteste von Kriegsveteranen, Kritik an Hunger, Vertreibung und fehlenden Entschädigungen sowie über wachsende politische Konkurrenz zur TPLF. Führende Militärs, die Zweifel am neuen Krieg geäußert haben sollen, wurden festgenommen. Bewohner Mekelles beschreiben eine Gesellschaft, deren früherer Zusammenhalt einer tiefen Polarisierung gewichen sei.
Hinzu kommen Vorwürfe der Zwangsrekrutierung, welche die TPLF bestreitet. Junge Männer verlassen Tigray aus Angst, erneut kämpfen zu müssen. Einer von ihnen, der 24-jährige Shewit, sagte Al Jazeera: „Ich hatte bereits einen Krieg überlebt. Ich wollte keinen weiteren durchmachen“.
Während Hauptquartiere über Frontlinien und territoriale Ansprüche sprechen, besteht Krieg für Menschen wie ihn aus unterbrochenem Studium, verlorenem Einkommen und der Entscheidung, die eigene Familie zu verlassen. Die Erinnerung an den letzten Krieg ist keine historische Fußnote. Sie bestimmt, wie die Menschen den nächsten erwarten.
Sieben Gruppen, kein gemeinsames Land
Auf dem Papier wirkt die Ethiopian Peoples’ Forces Coalition for Survival eindrucksvoll. Sie soll Kräfte aus Tigray, Amhara, Oromia, Ogaden, Afar und Benishangul-Gumuz vereinen. Gemeinsam ist ihnen vor allem die Gegnerschaft zu Premierminister Abiy Ahmed.
Schon die tatsächliche Zusammensetzung ist jedoch umstritten. ACLED zufolge bestritt die Gumuz People’s Democratic Movement ihre Mitgliedschaft. Bei der Ogaden National Liberation Front bestätigten und dementierten unterschiedliche Flügel eine Beteiligung. Die Oromo Liberation Army erklärte demnach, ihr gehe es vor allem um den Sturz der Regierung, nicht um eine gemeinsame Militäroperation. In den ersten Tagen kämpften laut ACLED vor allem TPLF, Amhara Fano National Movement und eine Afar-Gruppe gegen staatliche Kräfte .
Sieben Organisationen ergeben also nicht automatisch sieben gemeinsam operierende Armeen. Die Gruppen unterscheiden sich in militärischer Stärke, territorialen Interessen und politischen Zielen. Einige waren bis vor kurzem Feinde.
Gerade deshalb wäre es falsch, die Gefahr des Bündnisses nur daran zu messen, ob es Addis Abeba erobern kann. ACLED-Analystin Jalale Getachew Birru bezweifelt, dass die Koalition die Regierung stürzen kann. Gefährlich ist etwas anderes: Sie könnte mehrere bislang teilweise getrennte Konflikte miteinander verbinden.
Die Bundesregierung besitzt erhebliche militärische Vorteile, darunter eine ausgebaute Drohnenkapazität. Zugleich sind ihre Streitkräfte durch Aufstände und regionale Konflikte bereits beansprucht. Der Aufstand in Amhara zeigt zudem die Grenzen technologischer Überlegenheit. Drohnen können Stellungen zerstören und Bewegungen erschweren. Sie können politische Konflikte nicht aus der Luft lösen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob die Rebellenallianz stark genug ist, den Staat zu besiegen. Sie lautet, wie viele Fronten der äthiopische Staat gleichzeitig tragen kann.
Die Ökonomie der Frontlinien
Kriege erscheinen auf Karten als Städte, Grenzen und Pfeile. Entscheidend sind oft unscheinbarere Dinge: Straßen, Treibstoff, Telekommunikation, Flughäfen und Handelsrouten.
Deshalb ist Afar von besonderer Bedeutung. ACLED verweist auf den Korridor zwischen Semera und Dschibuti. Über Dschibuti läuft ein wesentlicher Teil des äthiopischen Außenhandels. Solange diese Verbindung funktioniert, kann Addis Abeba die Kämpfe im Norden eher als militärisch begrenzbare Herausforderung behandeln. Würde der Konflikt den Korridor ernsthaft bedrohen, beträfe er unmittelbar die Versorgung des gesamten Binnenstaates.
Das erklärt auch die Bedeutung der Flughäfen und Verkehrswege. Wer sie kontrolliert, gewinnt nicht automatisch politische Legitimität, wohl aber die Möglichkeit, Truppenbewegungen, Nachschub und Versorgung zu beeinflussen.
Dass militärische und zivile Infrastruktur kaum voneinander zu trennen sind, zeigt der Ausfall der Telekommunikation in Tigray. Die BBC berichtete, dass Menschen in einer zunehmend bargeldlosen Wirtschaft dadurch Schwierigkeiten bekamen, auf digitales Geld zuzugreifen.
Was auf der militärischen Karte wie eine unterbrochene Verbindung aussieht, kann im Alltag bedeuten, kein Geld mehr überweisen, Verwandte nicht erreichen oder Lebensmittel nicht bezahlen zu können. So beginnt die gesellschaftliche Ausweitung eines Krieges lange bevor eine neue Front auf der Landkarte erscheint.
Eritrea wartet nicht am Rand
Der gefährlichste Unterschied zu 2020 liegt womöglich außerhalb Äthiopiens. Im vergangenen Tigray-Krieg kämpfte Eritrea an der Seite der äthiopischen Bundesregierung gegen die TPLF. Inzwischen sind die Beziehungen zwischen Addis Abeba und Asmara schwer belastet.
Die äthiopische Regierung beschuldigt Eritrea, oppositionelle Gruppen zu unterstützen. Asmara bestreitet das. Reuters zufolge halten Regionalexperten eine eritreische Unterstützung für plausibel, ihr konkretes Ausmaß lässt sich jedoch nicht unabhängig bestätigen.
Hinter der Konfrontation steht auch Äthiopiens Verhältnis zum Roten Meer. Seit Eritreas Unabhängigkeit ist das Land ein Binnenstaat. Äthiopische Äußerungen über die strategische Notwendigkeit eines Zugangs zum Meer und die Bedeutung des eritreischen Hafens Assab werden in Asmara als Bedrohung wahrgenommen.
Hinzu kommt der Krieg im Sudan. Ägypten und Äthiopien streiten über den Grand Ethiopian Renaissance Dam und die Nutzung des Nilwassers. Golfstaaten verfolgen eigene Interessen am Roten Meer. Somalia, Somaliland und die Konkurrenz um Häfen und Bündnisse gehören zum selben regionalen Geflecht.