Kinder für den Krieg im Sudan
Im Sudan kämpfen Rapid Support Forces und Armee nicht nur um Territorium und Macht. Beide Seiten ziehen Minderjährige in ihre militärischen Strukturen hinein – mit unterschiedlichen Methoden, aber ähnlichen Folgen.
Entführung, Hunger, „Volksmobilisierung“ und soziale Medien bilden ein Rekrutierungssystem, in dem aus Schutzbedürftigen Kämpfer und aus kämpfenden Kindern Propagandabilder werden.
Ein Junge, 15 Jahre alt, verkauft Zigaretten auf einem Markt in Omdurman. Dann gerät er in die Logik des Krieges. Kämpfer der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) greifen ihn auf. Sie suchen Deserteure; nach seiner Darstellung halten sie ihn irrtümlich für einen von ihnen. Er hat noch nie eine Waffe benutzt. Kurz darauf steht er an der Front.
Später, so schilderte er AP, sei er in einem RSF-Lager festgehalten worden. Dort, berichtet er der Nachrichtenagentur Associated Press, seien Kinder ständig gefesselt gewesen, sogar beim Essen. Ausländische Söldner, die von den RSF als Kolumbianer bezeichnet worden seien, hätten ihnen den Umgang mit Flugabwehrwaffen beigebracht. Während Luftangriffen hätten sich die Ausbilder in Bunker zurückgezogen. Die Kinder blieben draußen, an Waffen und Fahrzeuge gebunden. „Ich hatte wahnsinnige Angst. Ich wollte einfach nur fliehen und nach Hause“, sagt der Junge.
Seine Geschichte ist drastisch, aber sie beschreibt nicht bloß eine besonders grausame Episode eines besonders grausamen Krieges. Sie verweist auf ein System. Seit die RSF und die Sudanese Armed Forces (SAF) im April 2023 ihren Machtkampf in einen offenen Krieg verwandelten, sind Minderjährige nicht nur Opfer von Beschuss, Vertreibung und Hunger. Sie werden selbst Teil der Kriegsmaschinerie.
Die Wege dorthin unterscheiden sich. Bei den RSF dokumentieren Berichte Entführungen, Zwang und die gezielte Ausbeutung von Armut. Im Umfeld der SAF spielen dagegen Mobilisierungskampagnen, verbündete bewaffnete Gruppen und die Einbindung Jugendlicher unter dem politischen Etikett der „Volksmobilisierung“ eine wichtige Rolle. Die Unterschiede sind erheblich. Die Gemeinsamkeit ist grundsätzlicher: Wo zivile Schutzräume verschwinden, wird Kindheit zu einer Ressource, auf die bewaffnete Akteure zugreifen.
Wenn Hunger zum Rekrutierer wird
Der Begriff „Kindersoldat“ erzeugt ein scheinbar klares Bild: ein Kind mit einem Gewehr. Doch genau dieses Bild ist zu eng. Minderjährige werden nicht nur als Schützen eingesetzt. Quellen berichten von Kontrollpunkten, Munitionstransporten, Aufklärungs- und Überwachungsaufgaben sowie Zwangsarbeit in Militärlagern. Das Militärische beginnt also nicht erst mit dem ersten Schuss. Es beginnt dort, wo ein Kind der Verfügung einer bewaffneten Organisation unterstellt wird.
Die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenhandel, Siobhán Mullally, warnte bereits im Oktober 2023, unbegleitete Kinder und Kinder aus armen Familien würden von den RSF in den Außenbezirken Khartums sowie in Darfur und Westkordofan gezielt für Kampfeinsätze angesprochen. Die Aussage benennt einen Mechanismus, der leicht hinter dem Wort „Rekrutierung“ verschwindet. Eine bewaffnete Gruppe muss ein hungerndes Kind nicht immer mit vorgehaltener Waffe zwingen. Sie kann ihm auch das anbieten, was die zivile Gesellschaft nicht mehr bereitstellen kann: Nahrung, Zugehörigkeit, Schutz oder schlicht eine Überlebenschance.
Mehr als eine Million Kinder seien durch die Kämpfe zwischen SAF und RSF vertrieben worden, berichten Salazar und Cash unter Berufung auf Menschenrechtsgruppen. Der Journalist Ahmed Gouja schilderte, wie Jugendliche angesichts fehlender Nahrung bewaffnete Gruppen als Überlebensoption wahrnehmen; zwei seiner minderjährigen Cousins hätten sich den RSF angeschlossen.
Damit wird die Grenze zwischen „freiwilliger“ und erzwungener Rekrutierung problematisch. Was bedeutet Freiwilligkeit für einen Jugendlichen, dessen Familie vertrieben wurde, dessen Schule geschlossen ist und der nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommt? Ein Ja unter solchen Bedingungen ist nicht dasselbe wie eine freie Entscheidung in einer funktionierenden zivilen Ordnung.
Die humanitäre Katastrophe liefert bewaffneten Organisationen deshalb nicht nur Opfer. Sie produziert Rekrutierbarkeit. Hunger und Vertreibung sind keine militärischen Ausbildungsprogramme – aber sie schaffen einen sozialen Raum, in dem ein Gewehr plötzlich wie ein Zugang zu Versorgung und Status erscheinen kann.
Die RSF und die Gewalt der direkten Verfügung
Bei den RSF tritt zu dieser strukturellen Not eine besonders direkte Form des Zugriffs auf Kinder. Zeugenaussagen und Berichte beschreiben Entführungen aus Städten und aus Lagern für Binnenvertriebene. Reuters berichtete Anfang 2026 über Entführungen von Kindern in Darfur durch die paramilitärischen Kräfte. Andere Quellen dokumentieren die Rekrutierung Minderjähriger aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen sowie den Einsatz von Kindern im Kampf.
Die EUAA beschreibt zudem ein Rekrutierungssystem, das über lokale und tribale Hierarchien funktionieren kann. Danach erhalten Stammesführer beziehungsweise „Agid“ über mehrere Ebenen Vorgaben, eine bestimmte Zahl von Kämpfern bereitzustellen; Familien werden anschließend aufgefordert, Söhne zu stellen – einschließlich Minderjähriger. Zwang erscheint hier nicht nur als plötzliche Entführung. Er kann in soziale Autoritäten und familiäre Verpflichtungen eingebaut werden.
Besonders drastisch sind die Berichte zweier ehemaliger Kindersoldaten, mit denen die Associated Press sprach. Einer schilderte, er sei mit 15 Jahren aufgegriffen, an die Front geschickt und später an einer Flugabwehrkanone festgebunden worden. Als er sich geweigert habe, auf ein Kampfflugzeug zu schießen, hätten RSF-Kämpfer ihn angeschossen. Ein zweiter Junge berichtete, ebenfalls mit 15 in einem Lager festgehalten und an schwerer Artillerie und Drohnen ausgebildet worden zu sein. Bei Verweigerung sei er geschlagen worden, teilweise mit einem Elektroschocker. Ein Freund, der fliehen wollte, sei erschossen worden.
Die AP weist ausdrücklich darauf hin, dass sie die Aussagen der Jungen nicht unabhängig überprüfen konnte. Zugleich stimmen Teile ihrer Schilderungen mit anderen Berichten über den Konflikt überein. Auch ein ehemaliger kolumbianischer Kämpfer sagte der AP, er habe Kinder ab 13 Jahren auf Seiten der RSF gesehen.
Die mögliche Beteiligung kolumbianischer Söldner erweitert das Bild um eine zynische internationale Dimension. Aus einem Krieg, dessen Ursachen im Sudan liegen, wird ein Markt für militärisches Know-how. Veteranen aus einem jahrzehntelangen Konflikt auf einem anderen Kontinent sollen nun Minderjährigen in Darfur den Umgang mit Artillerie und Flugabwehrwaffen beigebracht haben. Globalisiert wird hier nicht der Schutz von Kindern, sondern möglicherweise die Fähigkeit, sie effizienter in Kriegstechnik einzuspannen.
Die Armee und das Vokabular der Mobilisierung
Wer bei Kindersoldaten im Sudan ausschließlich auf die RSF blickt, sieht deshalb nur einen Teil des Problems. Auch über die Sudanese Armed Forces und mit ihnen verbundene Kräfte liegen Berichte zum Einsatz Minderjähriger vor. Die Vereinten Nationen führen sowohl SAF als auch RSF im Zusammenhang mit schweren Verstößen gegen Kinderrechte auf.
Die Mechanismen sind jedoch nicht deckungsgleich. Während bei den RSF zahlreiche Quellen Entführung und unmittelbaren Zwang hervorheben, erscheint die Einbindung Minderjähriger auf Seiten der SAF stärker im Umfeld einer breiteren Mobilisierung gegen die RSF.
Die UN-Untersuchungskommission für den Sudan erhielt nach Angaben des vorliegenden Materials glaubwürdige Berichte, wonach sich nach Mobilisierungsaufrufen Jugendliche und Kinder unter 18 Jahren bewaffneten Gruppen angeschlossen hätten. Online verbreitete Aufnahmen sollen zeigen, wie Minderjährige von SAF-Offizieren ausgebildet werden; außerdem wurden Kinder an Kontrollpunkten in SAF-kontrollierten Gebieten dokumentiert. Zugleich hielt die Kommission fest, dass weitere Untersuchungen notwendig seien, um zu bestimmen, ob Kinder offiziell von der SAF rekrutiert und eingesetzt wurden.
Diese Einschränkung ist entscheidend. Seriöse Analyse darf aus Indizien keine Gewissheiten produzieren. Sie darf aber ebenso wenig so tun, als verschwände das Problem, sobald eine militärische Organisation das Wort „Rekrutierung“ durch „Mobilisierung“ ersetzt.
Gerade darin liegt die politische Funktion solcher Begriffe. „Volksmobilisierung“ klingt nach kollektiver Verteidigung, nach Bürgerpflicht und nationaler Notwehr. Das kann die Beteiligung Minderjähriger gesellschaftlich anders rahmen als eine Entführung durch Paramilitärs. Für ein Kind mit geladener Waffe ändert die sprachliche Verpackung jedoch wenig am Risiko.
Ein pensionierter sudanesischer Brigadegeneral, Ahmed, erklärte gegenüber Bellingcat, Kinder zu rekrutieren sei mit den Werten und der mehr als hundertjährigen Geschichte der Armee unvereinbar: „Es ist inakzeptabel, ein Kind zu rekrutieren und ihm einen militärischen Rang zu verleihen.“ Er führte gemeldete Verstöße auf den „Zusammenbruch des Staates“ zurück und nicht auf die offizielle Militärdoktrin.
Das ist eine relevante Unterscheidung – und zugleich eine unbequeme. Denn wenn der Staat so weit zerfällt, dass seine bewaffneten Strukturen ihre eigenen Regeln nicht mehr zuverlässig durchsetzen, wird die Differenz zwischen offizieller Doktrin und gelebter Praxis für die betroffenen Kinder zunehmend akademisch. Institutionen werden nicht daran gemessen, was in ihren Vorschriften steht, sondern daran, was in ihrem Namen geschieht und was sie verhindern können.
Vom Kind mit Gewehr zum „Löwenjungen“
Der Krieg um Kinder wird nicht nur an Kontrollpunkten und in Ausbildungslagern geführt. Er findet auch auf Smartphones statt.
Recherchen zu sogenannten „Löwenjungen“ zeigen, wie bewaffnete Minderjährige in sozialen Netzwerken zu Figuren des Krieges stilisiert werden. Auf Facebook und TikTok erscheinen Kinder mit Sturmgewehren, Maschinengewehren und Munitionsgurten, neben zerstörten Militärfahrzeugen oder in propagandistisch inszenierten Situationen. Die Inszenierung betrifft beide Lager. Ein mit der SAF verbundener Minderjähriger wird ebenso öffentlich präsentiert wie ein Kind im Umfeld der RSF.
Damit verändert sich die Funktion des Kindersoldaten. Er ist nicht mehr nur Kämpfer, Wachposten oder Munitionsträger. Er wird zum Bild. Und dieses Bild kann selbst rekrutieren.
Die Logik sozialer Medien passt auf verstörende Weise zur Logik bewaffneter Gruppen: Sichtbarkeit wird in Status übersetzt. Ein bewaffnetes Kind, das hunderttausende Menschen erreicht, vermittelt anderen Jugendlichen nicht unbedingt die Realität aus Angst, Verletzungen und Zwang. Es kann Ruhm, Zugehörigkeit und Anerkennung signalisieren.
Die Extremismusforscherin Mia Bloom warnte in dem von Radio Dabanga wiedergegebenen Bellingcat-Material vor einem Nachahmungseffekt. Die Botschaft solcher Inszenierungen lasse sich auf eine gefährlich einfache Formel bringen: „Seht, wie berühmt er dadurch geworden ist – vielleicht kann ich auch berühmt werden, wenn ich mich der Bewegung anschließe“. Gina Vale verweist dort ebenfalls auf die propagandistische Wirkung militarisierter Kinder: Ihre Darstellung ist emotional aufgeladen und kann zugleich die Macht einer bewaffneten Organisation über die kommende Generation demonstrieren.
Die Plattformen stehen damit vor einem Widerspruch, der über Moderationsregeln hinausgeht. TikTok erklärte nach der Untersuchung, Inhalte und Konten entfernt zu haben, die gegen seine Regeln zur Förderung und Darstellung von Menschenhandel einschließlich Kindersoldaten verstießen. Meta erklärte ebenfalls, keine Inhalte oder Aktivitäten zu dulden, die Menschen für den Einsatz als Kindersoldaten rekrutierten oder diese Rekrutierung erleichterten. Trotzdem waren laut Recherche eine Woche nach Kontaktaufnahme noch mehr als ein Dutzend einschlägige Beiträge auffindbar.
Das Problem besteht also nicht nur darin, dass Propaganda online gestellt wird. Es besteht darin, dass die Infrastruktur sozialer Medien Aufmerksamkeit belohnt, bevor Moderation sie begrenzt. Ein bewaffnetes Kind kann erst viral gehen und danach gelöscht werden. Die Rekrutierungswirkung muss nicht warten, bis ein Plattformbetreiber über einen Regelverstoß entschieden hat.
Zwei Kriegsparteien, ein zerstörter Schutzraum
RSF und SAF gleichzusetzen wäre analytisch bequem und sachlich falsch. Die Quellen zeichnen unterschiedliche Muster. Für die RSF sind besonders brutale Fälle unmittelbaren Zwangs dokumentiert: Entführungen, Fesselungen, Schläge und die erzwungene Bedienung schwerer Waffen. Bei der SAF und ihrem Umfeld treten Mobilisierung, Ausbildung, Bewaffnung und die Einbindung Jugendlicher in breitere militärische Strukturen hervor. Zudem bleibt bei einzelnen Vorwürfen offen, wie weit die offizielle Befehlskette reicht.
Aber Differenzierung darf nicht zur Entlastungstechnik werden. Dass die RSF Kinder auf besonders gewaltsame Weise missbraucht, macht einen bewaffneten Minderjährigen auf Seiten der SAF nicht erwachsen. Und Hinweise auf Kinder in SAF-nahen Strukturen relativieren weder Entführungen noch andere Verbrechen der RSF.
Die Gemeinsamkeit liegt tiefer als die jeweilige Rekrutierungsmethode. Beide Seiten operieren in einer Gesellschaft, deren Schutzmechanismen durch den Krieg zerstört werden. Schulen schließen, Familien werden auseinandergerissen, Menschen verlieren Einkommen und Unterkunft. Millionen Kinder benötigen Hilfe; Millionen gehen nicht zur Schule. In einer solchen Umgebung wird das Militärische zu einem immer größeren Teil des Alltags.
Deshalb greift auch die Vorstellung zu kurz, Kindersoldaten seien lediglich ein Rechtsverstoß, den man aus einem ansonsten funktionierenden Kriegsgeschehen herauslösen könne. Ihre Existenz zeigt vielmehr, wie weit der Krieg in die gesellschaftliche Reproduktion eingedrungen ist. Wo Kinder nicht lernen, sondern kämpfen; wo Versorgung von bewaffneten Akteuren abhängt; wo militärische Zugehörigkeit Status verspricht und der Algorithmus bewaffnete Jungen zu Stars macht, wird Gewalt nicht nur ausgeübt. Sie wird weitergegeben.
Die Anwesenheit von Kindersoldaten ist im Sudan zudem älter als der gegenwärtige Krieg. Alison Bisset weist darauf hin, dass internationale Beobachter seit Jahrzehnten über ihre Rekrutierung und andere Verstöße berichten. Das Problem liege nicht im Fehlen internationaler Rechtsnormen, sondern darin, dass Staaten und Kriegsparteien sie nicht einhielten .
Damit verschiebt sich die Frage. Es fehlt nicht an der Erkenntnis, dass Kinder nicht in bewaffnete Konflikte gehören. Es fehlt an politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die dieses Verbot wirksam machen.
Nach dem Gewehr kommt nicht automatisch die Kindheit zurück
Das internationale Recht setzt eine klare Grenze. Die Rekrutierung und der aktive Einsatz von Kindern unter 15 Jahren in Kampfhandlungen können ein Kriegsverbrechen darstellen. Darüber hinaus bestehen weitergehende Verpflichtungen zum Schutz Minderjähriger in bewaffneten Konflikten. Doch Recht kann definieren, was verboten ist; es kann einem traumatisierten Jugendlichen nicht automatisch seine verlorenen Jahre zurückgeben.
Das zeigt erneut der 15-Jährige aus dem AP-Bericht. Nachdem er sich geweigert hatte, auf ein Flugzeug zu schießen, sei er angeschossen worden. Seine Wunde habe sich infiziert. Schließlich hätten die RSF ihn zurückgelassen. Später kam er in staatliche Obhut. Seine Mutter war während des Krieges gestorben. Sein Vater, berichtete der Junge, schäme sich für das, was sein Sohn getan habe, und wolle ihn nicht sehen.
In dieser Reaktion steckt die letzte Falle des Systems. Erst verwandeln bewaffnete Erwachsene ein Kind in einen Kämpfer; danach kann die Gesellschaft den Kämpfer sehen und das Kind vergessen.
UNICEF versucht nach Angaben der AP, gegenüber den Behörden durchzusetzen, „Kinder als Kinder zu behandeln“. Der Satz wirkt banal. Im Sudan ist er ein politisches Programm. Denn eine ernsthafte Demobilisierung verlangt mehr als die Entfernung einer Waffe. Sie verlangt Familienzusammenführung, psychologische Hilfe, Bildung, soziale Wiedereingliederung und die Anerkennung, dass auch ein Kind, das Gewalt ausgeübt hat, zuvor in Strukturen geraten sein kann, die seine Handlungsfreiheit massiv begrenzten.
"Kindersoldat: Ein doppeldeutiger Begriff
Gerade deshalb ist der Begriff Kindersoldat doppeldeutig. Er bezeichnet eine militärische Funktion und droht zugleich, die Identität des Kindes auf diese Funktion zu reduzieren. Die Jungen aus den Berichten waren nicht immer Soldaten. Einer verkaufte Zigaretten. Andere waren vertrieben, hungrig oder von ihren Familien getrennt. Erst Krieg, Zwang, materielle Not, gesellschaftliche Mobilisierung und militärische Organisation machten aus ihnen Rekruten.
Und selbst danach sind sie nicht nur Täter oder nur Opfer. Viele sind beides in unterschiedlichen Konstellationen. Diese Ambivalenz ist unbequem, aber entscheidend für jede Form der Reintegration.
Einer der von AP interviewten Jugendlichen war nach fast zwei Jahren aus einem RSF-Lager geflohen. Als er zu seiner Familie zurückkehren wollte, wurde er erkannt, den Behörden gemeldet und festgehalten. Später sagte er: „Wir haben Fehler gemacht. Wir wollen hier weg, um Sudan wieder aufzubauen“.
Vielleicht liegt darin die härteste Konsequenz des Krieges. Sudan braucht irgendwann genau jene Generation für seinen Wiederaufbau, die seine bewaffneten Akteure heute verbrauchen. RSF und SAF kämpfen um die Zukunft des Staates und greifen dabei auf Menschen zurück, denen diese Zukunft eigentlich gehören sollte. Das ist mehr als ein Verstoß gegen Kinderrechte. Es ist eine Form politischer Selbstzerstörung.
Denn ein Krieg, der Kinder zu Soldaten macht, rekrutiert nicht nur für die nächste Schlacht. Er verlängert sich in die nächste Generation.