03.09.2026
Samuel Becketts »German Diaries«

»What a Schererei this trip is becoming!«

Eine Kulturreise sollte es werden. Was Samuel Beckett dann 1936/1937 in Nazi-Deutschland beobachtete, protokollierte er mit wachsender Abscheu. Die »German Diaries« sind erstmals vollständig erschienen.

Hamburg, Schlüterstraße 44 – in der kleinen Pension Hoppe steigt der noch unbekannte Samuel Beckett am 6. Oktober 1936 für 27 Reichsmark die Woche ab. Der 30jährige ist schlecht gelaunt, stark erkältet und erschöpft von der Arbeit an dem gerade abgeschlossenen Manuskript seines Romans »Murphy«. Wenige Tage zuvor ist er mit dem Schiff aus Dublin über England nach Hamburg gekommen. Vor ihm liegt eine sechsmonatige Deutschlandreise mit Stationen in Berlin, Dresden, Weimar und München. Eine Kladde dient ihm als Tagebuch, fünf weitere Notizhefte wird er auf seiner Tour vollschreiben.

Erst kurz nach seinem Tod wurden die »German Diaries« 1989/1990 von seinem Neffen und Nachlassverwalter Edward Beckett in Paris im Keller seines Wohnhauses entdeckt. Lange waren die eng beschrieben Seiten in winziger Schrift der interessierten Fachwelt vorbehalten. Jetzt sind sie erstmals vollständig in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp erschienen, zweisprachig im englischen Original und in der Übersetzung von Gaby Hartel. Ein editorisches Mammutwerk, das 1352 Seiten umfasst.

Was Beckett im Deutschland der frühen Nazi-Jahre beobachtet und erlebt, wird protokolliert und kommentiert, oft lakonisch, offen politisch, gelegentlich subtil. 

Mehr als dreißig Orte wird Beckett bis zu seiner Abreise im April 1937 besuchen. Was er im Deutschland der frühen Nazi-Jahre beobachtet und erlebt, wird protokolliert und kommentiert, oft lakonisch, offen politisch, gelegentlich subtil. Becketts besonderes Interesse gilt Buchhandlungen, Museen, Theatern und ­Kirchen. Als Bewunderer deutscher Klassik und Avantgarde will er sich intensiv mit Kunst und Literatur am Originalschauplatz befassen.

Beckett liest Goethe und Hölderlin auf Deutsch und plant, seine Sprachkenntnisse auf der Reise zu vertiefen. Auf seinen Streifzügen kauft er Bücher von Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. Bald hält er Ausschau nach den von der Zensur betroffenen »banned books«. Von einem Verkäufer erfährt er, »dass man von Thomas Mann alles haben könne, doch nichts von Heinrich u. nichts von den Zweigs«. Als er kurz darauf hört, dass die Bücher von Ernst Barlach und Emil Nolde verboten werden sollen, vermerkt er: »Nolde schnell kaufen.«

Eskursionen in die NS-Kultur

Auch mit linientreuen Autoren des NS-Regimes setzt sich der spätere Literaturnobelpreisträger auseinander. Rudolf Bindings Novelle »Die Waffenbrüder«, die von Kameradschaftstreue und Opferbereitschaft handelt, qualifiziert er nach der Lektüre trocken als »Quark, nach Studentenart«. In Hamburg hört er eine Vorlesung des vom NS-Regime besonders protegierten Schriftstellers Hermann Stehr, der aus der Novelle »Der Schatten« liest, was Beckett mit »Ernster Kitsch, vorgetragen in senilem Flüsterton« kommentiert.

Immer wieder wird Beckett Zeuge von Propagandaveranstaltungen. Im Hamburger Ufa-Palast besucht er eher zufällig ein Benefizkonzert des SS-Abschnitt XV. Bei einem dort gezeigten Filmausschnitt (»Moskau droht«) fühlt er sich von den flackernden Farben »mit halbgeschlossenen Augen« an Bilder eines spanischen Barockmalers erinnert; nach der Ansprache des SS-Gruppenführers Werner Lorenz streckt er »zu Horst Wessel u. Haydn den falschen Arm aus.«

Ganze Tage verbringt der Kunstenthusiast in Ausstellungen. Bilder von Giorgione, Jan Vermeer oder Al­brecht Dürer beeinflussen ihn nachhaltig. Casper David Friedrichs »Zwei Männer in Betrachtung des Mondes« inspiriert sein bekanntestes Theaterstück »Warten auf Godot« (1952). Zu Emil Noldes »Christus und die Kinder« fühlt er sich »sofort hingezogen« – überhaupt ist er von expressionistischer Malerei »schwer getroffen«. Immer wieder spürt er Arbeiten verfemter Künstler auf. Bei einem Besuch des Hamburger Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der später mit dem Handel »entarteter« Kunst zum Devisenbeschaffer der Nazis avancierte, entdeckt Beckett »ein paar wunderschöne Radierungen« von Otto Dix.

Als Beckett von den Vorbereitungen zu der NS-Propaganda­ausstellung »Entartete Kunst« mit den Werken der von ihm geschätzten Künstlern hört, platzt ihm der Kragen: »Bald fange ich wirklich an zu kotzen. Oder fahre heim.«

Als er von den Vorbereitungen zu der NS-Propagandaausstellung »Entartete Kunst« mit den Werken der von ihm geschätzten Künstlern hört, platzt ihm der Kragen: »Bald fange ich wirklich an zu kotzen. Oder fahre heim.«

In seine Aufzeichnungen fließt auch Alltägliches ein. Beckett charakterisiert Bekanntschaften und notiert Gesprächsfetzen. Er sammelt Grabinschriften, Klo-, sowie Trinksprüche, bewertet deutsches Essen als »wirklich furchtbar«, findet hingegen reichlich Gefallen am deutschen Bier und notiert in teils unverblümter Sprache seine zahlreichen körperlichen und seelischen Leiden.

Der sprunghafte Themenwechsel hinterlässt den Eindruck, einem Getriebenen zu folgen. Schon früh beschreibt er selbst ein »Schreckliches Gefühl, die ganze Zeit weitergejagt zu werden. Fieber. Atemlosigkeit. Schön ist das nicht.«

Ein Grund für das paranoide Gefühl dürfte dabei die von Beckett überall registrierte immer schlimmer werdende Gewaltrhetorik gewesen sein. Am Hamburger Deutschlandhaus »plärren« ihm die Nachrichten aus dem Lautsprecher entgegen: »A. H. u. Goebbels eröffnen Winterhilfswerk in Berlin«, woraufhin er »Apoplexie« diagnostiziert: »Sie müssen bald kämpfen (oder platzen).« In ­einem Braunschweiger Wirtshaus plagt ihn »pausenloses HH« – »What a Schererei this trip is becoming!«

Vorzeichen der Judenvernichtung

Die einsetzende Verfolgung der jüdischen Bevölkerung registriert er sehr genau. Sich an einen jüdischen Friedhof erinnernd fragt er sich, »ob sie den wohl inzwischen verbrannt haben«. Als er in Staffelstein im Gespräch mit einer Gasthausbekanntschaft den Namen Liebermann erwähnt, »spult« diese »eine Wahnsinnstirade gegen die Juden herunter, dass Deutschland keine Feinde hat außer ihnen«.

Wie das Nachwort nahelegt, lassen sich die wiederkehrenden Auflistungen von Krankheit und Ekel auch literarisch als körperliche Reaktionen auf diese Erfahrungen im NS-Staat verstehen. Mitunter erscheint Becketts Treiben selbst wie ein politischer Kommentar. Zum Beispiel in Berlin: »am Kriegsministerium vorbei, pisse in kleine Baumgruppe«, oder nach der Lesung von Stehr: »Mache mich schnell weg … Pisse dann in einen Eingang.«

Die Reise war nicht Becketts erster Aufenthalt in Deutschland. Zwischen 1928 und 1932 war er achtmal nach Kassel gereist, um seine Cousine Peggy Sinclair zu sehen. Diese war seine Jugendliebe und verstarb 1933 an Tuberkulose. Die Aufenthalte legten auch den Grundstein für seine soliden Deutschkenntnisse. Einzelne deutsche Wörter bis hin zu ganzen Sätze sowie auch einige französische Einsprengsel wechseln in den Aufzeichnungen mit englischen Passagen ab und verleihen dem Tagebuch einen zwei- oder sogar mehrsprachigen Charakter.

Die Tagebücher sind ein subjektiver Zeitzeugenbericht über die gesellschaftliche Verrohung im nationalsozialistischen Deutschland.

Dies dürfte auch die unkonventionelle, aber überzeugende Entscheidung erklären, die Originalfassung der deutschen Übersetzung spiegelbildlich gegenüberzustellen. Dabei wurden sämtliche Markierungen Becketts in die Textfassung übernommen; uneindeutige Wörter sind eigens gekennzeichnet. Die umfangreichen Orts-, Personen- und Literaturregister helfen, die Tagebucheinträge zu entschlüsseln. Wie viel Zeit und Mühe die Entzifferung der Handschrift gekostet haben muss, lässt sich nur erahnen.

Die Tagebücher sind ein subjektiver Zeitzeugenbericht über die gesellschaftliche Verrohung im nationalsozialistischen Deutschland. ­Zugleich geben sie Einblick in das ästhetische und politische Denken ­eines Künstlers, der sich nach Ausbruch des Kriegs gegen eine Rückkehr nach Irland entscheidet und sich der französischen Résistance anschließen wird, ohne jemals großes Aufheben um seine unter Lebensgefahr unternommen Operationen zu machen. »Ich konnte nicht tatenlos zusehen, wie meine jüdischen Freunde wie Tiere gejagt wurden«, erklärte er später.

Die Tagebücher unterstreichen, dass die Abscheu vor den Nazis und das Engagement für die Verfolgten für Beckett zentral waren. Die Notizen aus dem »Dritten Reich« stützen damit indirekt auch die von dem französischen Theaterwissenschaftler Valentin Temkine vorgeschlagene Lesart des »Godot« als eines Stücks über zwei jüdische Flüchtlinge, die vergeblich auf ihren Retter warten.

Einen Schluss legt die Lektüre der Tagebücher jedenfalls deutlich nahe, den auch die Herausgeber im Nachwort ziehen: Die Kunst, die Beckett selbst vorschwebte, wäre unter den Nationalsozialisten mit Sicherheit verboten worden.

 

Samuel Beckett: German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937. Englisch und deutsch. Text und Kommentar. Aus dem Englischen von Gaby Hartel. Herausge­geben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Suhrkamp, Berlin 2026, 1 352 Seiten, 78 Euro