03.09.2026
Selbstmord in der Literatur

Final Destination

Im neuen Roman der US-amerikanischen Autorin Emma Cline geht es um eine letzte Reise.

Seit Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« zu einer Welle von Nachahmungssuiziden führte, ist der Selbstmord ein literarisches Tabu. Emma Cline bricht es mit ihrem Roman »In die Schweiz«. Anders als bei Goethe ist ihr Protagonist aber keine überspannte Figur im Liebeswahn, sondern ein älterer Mann mit dramatisch fortschreitender Alzheimer-Demenz. Sein Schicksal scheint unausweichlich, nur Zeitpunkt und Umstände seines Todes sind planbar. Im Privatflugzeug über dem Atlantik eilt der ehemalige Topmanager David Hastings seinem finalen Ziel entgegen: einer Sterbeklinik in Zürich. Die verbleibenden Stunden werden mit solch schmerzlicher Eindringlichkeit geschildert, dass man vorblättern will, um zu sehen, ob es nur ein Traum ist, aus dem der Protagonist erwacht; ob es ein offenes Ende gibt, das Möglichkeiten aufzeigt oder Aufschub gewährt; ob die Erzählung eine unerwartete Wendung nimmt. Zwischenaufenthalte in London und Frankreich mit Besuchen bei seiner Tochter und einem Jugendfreund nähren kurz die Hoffnung auf einen anderen Ausgang. Fortschreitende Gebrechlichkeit von Körper und Geist machen sie zunichte. Die Realität dringt schemenhaft zu David durch, seinen noch immer mondänen Lebensstil organisiert der persönliche Assistent – eine Existenz in Windeln, Maßanzug und Angst.

Emma Cline, die Verfasserin des brillant-düsteren Romans »The Girls« über die Charles-Manson-Sekte, zeigt in ihrem neuen Meisterstück die Entscheidung zum professionell begleiteten Freitod in einer ausweglosen Situation radikal aus der Perspektive des Suizidenten. Die Bilder verwischen: Kindheit, Jugend, Karriere, eine gescheiterte Ehe, eine frühe Schuld, unausgesprochenes Begehren. In gebrochenen Konturen scheint das ungelebte Leben auf, das dem Roman eine Tragik gibt, die bald schwerer wiegt als die tödlich verlaufende Krankheit selbst. Wenn es in dem Buch überhaupt etwas Tröstliches gibt, dann ist es die Vorstellung, dass die eigene Sterblichkeit als Argument für das Leben dienen kann.

 

Emma Cline: In die Schweiz. Aus dem ­Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser, München 2026, 384 Seiten, 25 Euro