15.07.2026
Prag als Zufluchtsort für Flüchtlinge vor dem Nationalsozialismus

Tschechische Zuflucht

Viele, die vor dem Nationalsozialismus flohen, kamen in den Dreißigern in Prag unter. Das Sachbuch »Vertraute Fremde« erzählt, wie großzügig die Exilanten aufgenommen wurden – und wie die Stimmung kippte.

Dass Marseille, Paris, New York City und Los Angeles zu jenen Zufluchtsorten wurden, in denen sich Sozialisten, unliebsame Schriftsteller, Verleger und Juden niederließen, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten, ist heute gut erforscht. Während der Blick der Exilforschung lange gen Westen ging, blieb die Tschechoslowakei als Exilland mit ihrer Hauptstadt Prag weitgehend unbeachtet. Der Journalist Peter Lange nimmt sich dieser vernachlässigten Geschichte nun mit seinem materialreichen Sachbuch »Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933–1939« an.

Rund 100 Exilanten treten in dieser erhellenden Studie auf, bekannte Namen ebenso wie weniger prominente Figuren. Einige, wie den österreichischen Maler Oskar Kokoschka, den bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, den Musikpädagogen Leo Kestenberg oder die Malerin Friedl Dicker-Brandeis, begleitet man über mehrere Etappen des Exils. Andere Schicksale werden nur kurz gestreift, diese Lebensgeschichten verlieren sich nach der kurzen Erwähnung. Dem detaillierten Buch kommt zugute, dass Lange selbst jahrelang als Korrespondent für das Deutschlandradio in Prag tätig war und sich als ortskundig erweist. Ihm gelingt ein eindrückliches Panorama der Stadt in den dreißiger Jahren, in dem politische Konflikte, ökonomische Bedingungen und psychische Belastungen im Alltag gleichermaßen thematisiert werden.

Kaum jemand ahnte, dass Prag für viele lediglich eine Zwischenstation sein würde, ein Transitort auf dem Weg in weitere Exilländer oder in die Verdammnis.

Das Buch beginnt mit der Flucht: Kurz nach der Machtübertragung an die Nazis erteilte Hermann Göring am 17. Februar 1933 der Polizei den Befehl zum Schusswaffengebrauch gegen »staatsfeindliche Organisationen« und setzte die SA als Hilfspolizei ein. Vielen politisch und antisemitisch Verfolgten wurde damit schlagartig klar, dass sie dem Terror schutzlos ausgeliefert waren. Vom Berliner Anhalter Bahnhof gelangten zahlreiche Flüchtende über Dresden nach Prag. Manche, wie der Chefredakteur der sozialdemokratischen Neuen Welt, Willy Haas, überquerten die Grenze mit dem Auto, während andere – etwa der jüdische Schriftsteller und Sozialist Arnold Zweig – zu Fuß über das Riesen- und Erzgebirge flohen. Wer früh aufbrach, hatte es leichter: Die Bahnhöfe wurden anfangs nur sporadisch kontrolliert, die grünen Grenzen noch kaum patrouilliert.

Anfangs zögerliche Emigration

Einige künftige Prager Emigranten zögerten noch. Doch die Ereignisse überschlugen sich: Am 27. Februar brannte der Reichstag, am 5. März entzog die NS-Regierung den Kommunisten ihre Reichstagsmandate, am 2. Mai wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Unter dem Schlagwort »Wider den undeutschen Geist« entstand eine Liste auszusondernder Literatur; mit Hilfe der Gestapo wollte das Regime sich der unliebsamen Autoren gleich mit entledigen. Spätestens jetzt erkannten auch die Zögernden, dass sich die Lage nur weiter verschärfen würde. Die Grenze war kaum noch ungehindert zu passieren. Viele mussten zuvor die Schikanen der SA über sich ergehen lassen und schafften es erst im zweiten Anlauf. Gegen alle Erwartungen konsolidierte sich das nationalsozialistische Terrorregime – auch weil die Bevölkerung die Gewaltherrschaft weitgehend tolerierte.

Noch im Prager Exil hielt sich trotz der sich zuspitzenden Ereignisse lange die Überzeugung, es sei nur eine Frage der Zeit, bis »Hitler und seine Paladine« die Macht verlören und eine Rückkehr möglich werde – eine Haltung, die Lange auf der Basis von Selbstzeugnissen als Mischung aus Hoffnung und Realitätsverleugnung beschreibt. Kaum jemand ahnte, dass Prag für viele lediglich eine Zwischenstation sein würde, ein Transitort auf dem Weg in weitere Exilländer oder in die Verdammnis.

Prag war eine »vertraute Fremde«: nur wenige Zugstunden von Berlin entfernt und politisch liberal genug, um sich als Exilstation anzubieten. Mehrere, teils von Emigranten selbst gegründete Flüchtlingshilfen unterstützten die Ankommenden. Tomáš G. Masaryk, Präsident und Gründungsvater der jungen, 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik (ČSR), der einst selbst ins Genfer Exil gezwungen worden und bekannt für sein Engagement gegen Antisemitismus war, zeigte sich aufnahmebereit und pflegte zu manchen Exilanten persönlichen Kontakt; Kokoschka porträtierte ihn sogar.

Prag war eine »vertraute Fremde«: nur wenige Zugstunden von Berlin entfernt und politisch liberal genug, um sich als Exilstation anzubieten.

Zugleich konnten Schriftsteller und Verleger auf einen deutsch-böhmischen Absatzmarkt hoffen: Rund 3,5 Millionen deutschsprachige Bewohner bildeten ein erreichbares Lesepublikum, es gab Blätter wie die Bohemia, das Prager Tageblatt, die Prager Illustrierte oder die Prager Presse. Lange schildert eindrücklich, wie der junge Helmut Flieg (später Stefan Heym) diese Möglichkeiten für seine Karriere nutzte – und wie erbittert zugleich um die wenigen Publikationsplätze und die bescheidenen Honorare gerungen wurde.

Linke im Exil

Besonders erhellend zeichnet Lange den politischen Richtungsstreit innerhalb der exilierten Linken nach. So richtete die Sozialdemokratische Partei unter Otto Wels ihre neue Zentrale in Prag ein. Unter dem Namen Sopade (Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil) organisierte sie von dort aus – mit wechselndem Erfolg – den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Teils besann sich die Exil-SPD auf ihre revolutionären Ursprünge, teils achtete sie peinlich genau darauf, im Kampf gegen den Faschismus keine gemeinsame Sache mit Kommunisten oder mit dem Kommunismus Sympathisierenden aus den eigenen Reihen zu machen. Sie gab die Parteizeitung Neuer Vorwärts heraus und verfasste die sogenannten Deutschlandberichte, die heimlich ins Deutsche Reich geschleust wurden.

Die Kommunisten hatten sich derweil auf Anweisung der Komintern in Moskau für eine Volksfrontstrategie entschieden. Walter Ulbricht (der von 1935 bis 1938 in Prag war) versuchte, Sopade und bürgerliche Linksliberale für eine gemeinsame Linie zu gewinnen, scheiterte rasch und ging nach Moskau. Doch auch ohne seine Überzeugungsarbeit prägte eine prosowjetische Haltung viele der Exilanten: Oskar Maria Graf, im tschechischen Brünn exiliert, kehrte von seiner Russland-Reise 1934 als glühender Bewunderer Stalins zurück; Lion Feuchtwanger, der in Frankreich im Exil lebte, aber Prag besuchte, verteidigte 1937 offen die Moskauer Schauprozesse; die Neue Weltbühne, unter Chefredakteur Hermann Budzislawski nun in Prag herausgegeben, schwieg systematisch zu Stalins Säuberungen. Selbst Ernst Bloch, laut Lange »durch zuverlässige Gewährsleute durchaus informiert über das tödliche Räderwerk in Moskau«, verteidigte gegenüber dem Mitexilanten Golo Mann die Sowjetunion. Der in Prag geborene Schriftsteller Egon Erwin Kisch brachte diese Haltung auf den ernst gemeinten Satz: »Stalin denkt für mich.« Als Gegenfigur zu dieser Gefolgschaft erscheint der Film- und Literaturkritiker Hans Sahl, der – nach seiner Prager Zeit und in Auseinandersetzung mit dem Kommunisten Bertolt Brecht – früh auf Stalins Betrachtung des Menschen »als bloßes Material der Geschichte« hinwies und sich damit selbst ins »Exil im Exil« manövrierte.

Über Jahre schleuste die Gestapo Agenten und Spitzel ein und versuchte, unliebsame Exilanten aus dem Weg zu räumen

Ungefährlich blieb das Leben der Exilanten auch in Prag nicht. Bereits Anfang 1933 gelang es der Gestapo, den jüdischen Philosophen Theodor Lessing im nahegelegenen Marienbad zu ermorden – ein frühes Signal, dass der Arm des Regimes bis ins Ausland reichte. Über Jahre schleuste die Gestapo Agenten und Spitzel ein und versuchte, unliebsame Exilanten aus dem Weg zu räumen, wie Lange schildert. Dabei hatte sie es auch auf rechtsextreme Flüchtlinge, wie  den ehemaligen Weg­gefährten Hitlers, Otto Strasser, ab­gesehen, der im Prager Exil mit seiner Organisation Schwarze Front gegen das Regime mit Hilfe eines Radiosenders agitierte. Zugleich erhöhte Deutschland den politischen Druck auf die ČSR, so dass die Regierung ihre bis dahin liberale Haltung weiter einschränkte. Das Jahr 1937 beschreibt Lange als die Wende – ein politischer Rechtsruck in der Tschechoslowakei, das Erstarken der von der NSDAP unterstützten Sudetendeutschen Partei und der Wandel der öffentlichen Meinung. Arbeitserlaubnisse wurden entzogen, Aufenthaltsgenehmigungen verweigert, Juden durften überhaupt nicht mehr einreisen.

Mit dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 wurde Hitler das Sudetenland zugeschanzt; am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in die sogenannte Rest­tschechei ein. In den letzten Kapiteln »In der Falle« und »Wo sie geblieben sind« schildert Lange die beklemmende Situation ab 1939: Im neu geschaffenen »Protektorat Böhmen und Mähren« begann sofort die systematische Ghettoisierung und Ermordung jener Juden, denen die Flucht nicht mehr gelungen war. Die Bauhaus-Absolventin und Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert; ihre Sorge galt, wie Lange schreibt, vor allem der Frage, ob sie »genügend Stifte und Papier« haben würde, um mit den Kindern weiterarbeiten zu können. In Prag hatte sie ehrenamtlich Zeichen und Malunterricht für Kinder aus emigrierten kommunistischen Familien gegeben – eine frühe Form von Kunsttherapie – und betrieb zusammen mit Karola Bloch ein Architekturbüro. Im Oktober 1944 wurde Friedl Dicker-Brandeis in Auschwitz ermordet.

 

Peter Lange: Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933–1939. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2026, 480 Seiten, 28 Euro