Odyssee der Gewalt
Francesca Crommelynck wird in ihrer Familie liebevoll die »kleine Faschistin« genannt. Den Namen hat sie im Alter von sechs Jahren beim Schießtraining mit ihrem Vater und dem großen Bruder Nils erworben. Beide Männer gehören der extremen Rechten in einer fiktiven französischen Kleinstadt am Atlantik nahe der belgischen Grenze an: der Vater als Kandidat der Partei Patriotischer Block, die sich anschickt, die Macht im Staat zu übernehmen; Nils als Mitglied eines örtlichen Schlägertrupps der Identitären Bewegung.
Gewalt, Verwahrlosung und politische Ignoranz bringen die französische Republik an den Rand des Abgrunds.
Trotz dieser Prägung verliebt sich Francesca in der zweiten Klasse in den Sohn eines algerischen kommunistischen Parteisekretärs. Es ist eine Liebe, die bis in die Pubertät anhält und erst endet, als Francescas Freund ermordet wird. Von nun an folgt sie dem idolisierten Bruder tiefer und tiefer in die Welt der faschistischen Schläger der »Löwen von Flandern« und gibt sich zusehends ihrer Lust an der Gewalt hin, die noch größer ist als ihr Interesse daran, griechische Klassiker im Original zu lesen.
Doch bald verliert sie auch ihren Bruder. Als Francesca mit zwanzig feststellt, dass ihr bisheriges Leben auf einer Lüge gründet, trifft sie inmitten chaotischer politischer Verhältnisse auf den sozialistischen Abgeordneten Bonneval, und alles nimmt noch einmal eine neue Wendung.
Jérôme Leroys »Die kleine Faschistin« ist kein Kriminalroman im engeren Sinn; auch wenn sich die Handlung um Mord und Totschlag dreht. Im Stil des Roman noir beobachtet Leroy Entwicklungen in den sozialen Auseinandersetzungen im Frankreich der vergangenen 30 Jahre und spitzt sie immer weiter zu.
Gewalt, Verwahrlosung und politische Ignoranz bringen die französische Republik an den Rand des Abgrunds. Es finden sich zahlreiche Anspielungen auf gegenwärtige politische Konstellationen und Personen, die der Geschichte eine verstörende Dimension verleihen.
Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2026, 152 Seiten, 18 Euro
