14.05.2026
Studie zur Verschmutzung des größten Fließgewässers Deutschlands

Müllhalde Rhein

Tonnenweise Müll, Mikroplastik und nicht zu identifizierende Chemikalien: Die Gewässer in Deutschland sind in einem üblen Zustand, mit Folgen für die Menschen.

Der Rhein ist nicht nur das größte Fließgewässer Deutschlands und die wichtigste Wasserstraße in Mitteleuropa. 30 Millionen Menschen erhalten ihr Trinkwasser aus gefiltertem Rheinwasser. Die Verschmutzung des Rheins ist für sie also von unmittelbarem Interesse. Anfang des Jahres wurde dokumentiert, dass die Belastung des Rheins mit Abfällen um ein Vielfaches größer ist, als zuvor geschätzt worden war. Täglich transportiere das Fließgewässer rund 53.000 Müllteile an Köln vorbei – so das Ergebnis eines gemeinsamen Projekts der Universität Bonn mit dem Umweltschutzverein Krake.

Im Rahmen der 16 Monate lang andauernden Untersuchung kam eine bei Köln verankerte schwimmende Müllfalle zum Einsatz. Mit zahlreichen freiwilligen Helfern sammelten die Wissenschaftler den im Rhein treibenden Abfall. Der Fangbereich erstreckte sich über drei Meter und reichte 80 Zentimeter unter die Wasseroberfläche. Eingesammelt wurden alle im Wasser schwimmenden Teile, die größer als ein Zentimeter sind, sogenannter Makromüll.

Es gebe »derzeit noch keine zuverlässigen Möglichkeiten, die Menge und Zusammensetzung von Mikroplastik in Lebens­mitteln festzustellen«, teilte die Bundesregierung mit.

Die Ergebnisse waren besorgniserregend: Jeden Tag treiben fast sechs Tonnen Abfall an Köln vorbei in Richtung Meer – Mikroplastik nicht eingerechnet. Die Verursacher dieser Verschmutzung sind zumeist Privatpersonen. 56,4 Prozent der gefunden Abfälle seien Dinge, die von Verbraucherinnen und Verbrauchern privat genutzt werden, heißt es im Bericht – meist Alltagsobjekte wie die Verpackungen von Nahrungsmitteln, Getränkeflaschen oder Zigarettenstummel. Industrielle Abfälle machten nur 5,9 Prozent dieses Mülls aus.

Bei den Materialien dominiert mit weitem Vorsprung ein synthetisch hergestellter Werkstoff aus Polymeren, der formbar, elastisch und hitzebeständig ist: Plastik. Er macht fast 70 Prozent der gesammelten Müllteile aus. »Ein Großteil des Mülls besteht aus Einwegprodukten wie Plastikflaschen, Feuerwerksresten und Süßigkeitenverpackungen«, sagte der Pressereferent des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Poth, der Jungle World.

Noch ernster ist jedoch die Verschmutzung durch Substanzen, die mit dem bloßen Auge nicht erkennbar sind. »Der Rhein ist mit einer Vielzahl anthropogener Schadstoffe belastet, die aus unterschiedlichen punktuellen und diffusen Quellen stammen, sowie mit historischen Schadstofffreisetzungen aus dem Flussbett«, sagte Julios Kontchou, Ökotoxikologe bei Greenpeace, der Jungle World. Zu den wichtigsten Schadstoffen in dem Fließgewässer zählten »Mikroplastik, landwirtschaftliche Chemikalien wie Pestizide und Nährstoffe sowie eine Reihe von Mikroschadstoffen aus verschiedenen Quellen, darunter Arzneimittel, Pflegeprodukte, Biozide und Industriechemikalien«. Hinzu kämen PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien – wasser-, luft- und schmutzabweisende fluorierte Verbindungen, die kaum abbaubar sind und sich deshalb in Landschaften wie Lebewesen anreichern können.

Große Teile der Bevölkerung mehrfach mit PFAS, PCB, Metallen und Pestiziden belastet

Paul Kröfges, Mitglied des Landesarbeitskreis Wasser des BUND in Nordrhein-Westfalen, verweist im Gespräch mit der Jungle World darauf, dass allein durch das Treiben im Wasser »aus dem Kunststoffanteil im Makromüll durch mechanische Zerkleinerung nach und nach Mikroplastik wird«. Dies komme in Gewässern wie dem Rhein zu dem Mikroplastik aus anderen, vorwiegend industriellen Quellen hinzu.

Wie ernst die derzeitige Situation ist, bestätigte die Bundesregierung Ende April in der Antwort auf eine Kleinen Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag. Darin bestätigte die Bundesregierung, dass »große Teile der Bevölkerung mehrfach mit PFAS, PCB, Metallen und Pestiziden belastet sind«, und bezeichnete dies als »besorgniserregend«, »da es langfristige Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben kann«. Bei PCB (polychlorierte Biphenyle) handelt es sich um Industriechemikalien, deren Verwendung und Herstellung wegen ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung seit 2001 verboten sind.

Die Bundesregierung wurde unter anderem nach der Belastung von Flusstieren wie Fischen und Muscheln gefragt, worauf sie mit Blick auf deren Verarbeitung in der Nahrungsindustrie antwortete: »Hinsichtlich der Bestimmung von Mikroplastik gibt es derzeit noch keine zuverlässigen Möglichkeiten, die Menge und Zusammensetzung von Mikroplastik in Lebensmitteln festzustellen.« Es fehlten »noch valide und standardisierte Messmethoden, weshalb derzeit noch keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die durchschnittlichen Gehalte von Mikroplastik in Lebensmitteln möglich sind«. Routinekontrollen von Lebensmitteln seien ebenfalls noch nicht möglich.

Unerforschte Mikroschadstoffe

Doch damit nicht genug: Eine Untersuchung des Online-Mediums Correctiv ergab, dass die deutschen Behörden zwischen 2020 und 2025 65 Mal Stoffauffälligkeiten im Rhein registrierten, entweder weil Konzentrationen besonders hoch waren oder ein Stoff plötzlich über mehrere Tage hintereinander in den Messungen auftauchte. Dar­unter befanden sich auch Mikroschadstoffe, die teils unbekannt beziehungsweise unerforscht sind und somit keiner Regulierung unterliegen. Letztlich konnten nur 44 der auffällig gewordenen Substanzen eindeutig oder wahrscheinlich bestimmt werden.

Eine von Correctiv selbst entnommene Wasserprobe am Rhein enthielt dem Medium zufolge Hunderte nicht bestimmbare Substanzen. Als wahrscheinlicher Ursprung wird die Indus­trie benannt, vor allem die Chemieindustrie. Deren Abwasser werde zwar gereinigt, »doch nicht alle Schadstoffe werden herausgefiltert«. Die Folge davon sei, dass eine große Menge unbekannter Substanzen in den Fluss gelangen.

Im vergangenen Jahr klagten mehrere Pharmafirmen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen eine Verordnung der Europäischen Union, die verlangt, dass große Konzerne aus dem Bereich Pharmazeutik und Kosmetik sich an den Kosten für eine bessere Reinigung des Abwassers beteiligen.

Befürchten muss die Industrie deshalb nichts: Unbekannte Stoffe unterliegen keiner gesetzlichen Vorgabe. Gleichzeitig wehren sich Unternehmen der Branche juristisch dagegen, Verantwortung für ihre Abwässer übernehmen zu müssen. So klagten im vergangenen Jahr mehrere Pharmafirmen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen eine Verordnung der Europäischen Union, die verlangt, dass große Konzerne aus dem Bereich Pharmazeutik und Kosmetik sich an den Kosten für eine bessere Reinigung des Abwassers beteiligen. Der betroffene Industriezweig sieht dadurch seine Wirtschaftlichkeit gefährdet. Der Ausgang ist offen.

Wenn regelmäßig unter dem Motto »Rhine Clean Up« eine zivilgesellschaftliche Initiative tätig wird und unter Beteiligung der jeweiligen Landesumweltminister Müll am Rheinufer einsammelt, dann ist das pure Augenwischerei – jedenfalls in Hinblick auf die Wasserqualität. Denn diese kollektive Beschäftigungsmaßnahme wird an der industriellen Verschmutzung des Rheins ebenso wenig ändern wie die Idee des zuständigen Ministeriums in Baden-Württemberg, »auch weniger beachtete Eintragspfade, etwa Kunststoffrasenplätze und Reitböden mit synthetischen Zuschlagsstoffen«, ins Auge zu fassen: Die Behörde belässt es bei wohlmeinenden Ratschlägen an Reit- und Sportvereine, wie sie den Abrieb eindämmen können.