Mit Fußball zur Unabhängigkeit
Auf dem Weg in die staatliche Souveränität spielt der Fußball mehr als eine gern gesehene Rolle. »Die klassische Definition eines Staates«, schreibt der französische Politologe Pascal Boniface, »beruht auf drei traditionellen Kriterien: ein Territorium, eine Bevölkerung und eine Regierung. Wir könnten noch ein viertes Kriterium hinzufügen: eine Fußballnationalmannschaft.« Und zwar eine der Männer.
Beispiel Kosovo: Seit 2008 gibt es die »Republika e Kosovës« beziehungsweise die »Republika Kosovo«, um es einmal Albanisch und einmal Serbisch zu schreiben. In der Uno ist der Kosovo nicht Mitglied, nur etwa 115 Staaten erkennen die im früheren Jugoslawien gelegene Region als souveränen Staat diplomatisch an.
Voll anerkannt ist der Kosovo hingegen seit 2016 im Weltfußballverband Fifa. Die Regierung des Kosovos habe gezielt »nach verschiedenen Schlachtfeldern gesucht, um einen Konsens der internationalen Gemeinschaft über ihren freien Status zu erreichen«, schreibt der indische Völkerrechtler Malcolm Katrak.
Schon im November 1942 fand erstmals in Tirana ein Freundschaftsspiel zwischen Albanien und dem Kosovo statt. 8.000 Zuschauer kamen auf das Shallvareve-Feld, auch die faschistische Prominenz des von Italien besetzten Albaniens war da. Albanien gewann das Spiel 2:0.
2006 gewann der Kosovo 7:1 über Monaco, das selbst nicht Mitglied der Fifa ist. 2007 gelang ein 1:0-Sieg des Kosovos über Saudi-Arabien. 2008 folgte der politische Akt der Unabhängigkeitserklärung. Zu diesem Zeitpunkt lief schon das Aufnahmeverfahren in die Fifa, seit 2016 ist der Kosovo Vollmitglied.
Zwischen einer Auswahlmannschaft der autonomen Provinz Kosovo innerhalb der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien und einer jugoslawischen Auswahl fand 1967 ein Freundschaftsspiel statt. Für den Kosovo traten sowohl albanische als auch serbische Spieler an. Fußballerisch war das 3:3 vor 15.000 Zuschauern für die jugoslawische Elf eine sinnvolle Vorbereitung auf ein wichtiges EM-Qualifikationsspiel gegen Albanien. Politisch diente es der Vorbereitung eines Besuchs von Staatschef Tito in der Provinzhauptstadt Priština, der mit Reformen und Zugeständnissen für eine größere Eigenständigkeit einherging.
So hat es also eine Vorgeschichte, dass ab 1991 die politischen Bestrebungen des Kosovos nach Unabhängigkeit von Serbien einen fußballpolitischen Ausdruck erhielten. Ein eigener Verband wurde gegründet und eine eigene Liga. Und eine Nationalmannschaft. Für den Februar 1993 wurde das erste Länderspiel vereinbart: gegen Albanien in Tirana. Die Spieler passierten einzeln und getrennt die Grenze, der Bus fuhr leer – so wurden die serbischen Grenzkontrollen umgangen. Das Spiel endete mit einer 1:3-Niederlage, aber einen Tag später gewann die Nationalmannschaft des Kosovos gegen den albanischen Erstligisten KF Albpetrol Patos 3:2.
Die serbischen Behörden unterzogen im Anschluss alle Spieler, Trainer und Funktionäre einem Verhör. Nach dem Kosovo-Krieg 1999 trat die Auswahl im September 2002 wieder in einem Freundschaftsspiel gegen Albanien an, das sie diesmal mit 1:0 gewann. 2006 gewann der Kosovo 7:1 über Monaco, das selbst nicht Mitglied der Fifa ist. 2007 gelang ein 1:0-Sieg des Kosovos über Saudi-Arabien. 2008 folgte der politische Akt der Unabhängigkeitserklärung. Zu diesem Zeitpunkt lief schon das Aufnahmeverfahren in die Fifa, seit 2016 ist der Kosovo Vollmitglied.
Algerien bekanntestes Beispiel für die Bedeutung des Fußballs bei der Konstitution eines Staates
Algerien ist das bekannteste Beispiel für die Bedeutung des Fußballs bei der Konstitution eines Staates. In der Nacht auf den 14. April 1958 waren etliche algerische Spieler, die bei französischen Erstligisten unter Vertrag standen, quasi über Nacht aus Frankreich verschwunden, unter ihnen zwei Nationalspieler.
Die Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) erkannte schnell die Chance, die sich für sie durch diese von dem früheren Profi Mohamed Boumezrag initiierte Aktion ergab. Nach Absprache mit dem Chef der FLN und späteren algerischen Staatspräsidenten, Ahmed Ben Bella, der selbst einmal für Olympique Marseille gespielt hatte, gründete sich eine algerische Fußballnationalmannschaft. Sie trat bald als Botschafterin eines künftigen unabhängigen Algeriens auf.
Zunächst wurden Spiele gegen Tunesien und Marokko (beide unabhängig seit 1956) ausgetragen. Es folgten Reisen nach Nordvietnam, Rumänien, Bulgarien und in das fußballerisch starke Jugoslawien, gegen das die FLN-Mannschaft mit 6:1 gewann.
Insgesamt 83 Spiele trug diese algerische Nationalmannschaft zwischen 1958 und 1961 aus. 57 Siege und 14 Unentschieden dokumentieren, dass der Unabhängigkeitsanspruch auch sportlich bestand. 1962 wurde Algerien eine unabhängige Republik. Dafür waren die Spieler ein enorm großes Karriererisiko eingegangen. Rachid Mekhloufi von AS Saint-Étienne etwa hätte 1958 für Frankreich bei der WM auflaufen sollen.
Patriotische Lieder, die Fans im Stadion sangen
Die Idee, Algeriens staatliche Unabhängigkeit auch mit fußballerischen Mitteln zu erkämpfen, kam nicht so unvermittelt, wie es schien. Zum antikolonialen Protest gehörten seit den vierziger Jahren auch patriotische Lieder, die Fans im Stadion sangen. Weiter angeheizt wurde der Protest durch ein Massaker in der Stadt Sétif. Am 8. Mai 1945 eröffnete die französische Kolonialpolizei das Feuer auf eine Demonstration von Algeriern, die das Ende des Weltkriegs und der NS-Herrschaft begrüßten. Die Zahl der Toten bei den Unruhen, die sich in der Folge auf weitere Landesteile ausbreiteten, ist bis heute umstritten, man schätzt sie auf 30.000 Menschen.
Aus Sétif stammten einige Fußballer, die später in Frankreich und dann für den FLN groß herauskommen sollten. Neun Jahre nach dem Massaker veranstaltete der französische Fußballverband FFF ein Benefizländerspiel zwischen der französischen Nationalelf und einer Nordafrika-Auswahl. Der Erlös ging an die Angehörigen der Opfer eines Erdbebens, das 1954 in Algerien 1.400 Tote gefordert hatte. Die Nordafrika-Auswahl gewann im Pariser Prinzenpark 3:2.
An Beispielen, dass es oft sportliche Erfolge sind, die den Anspruch einer Nation auf staatliche Unabhängigkeit und internationale Anerkennung unterstreichen, mangelt es nicht. Wenn es nicht der Fußball ist, der diplomatisches Gewicht verleiht, dann sind es oft, wie im Fall der olympischen Erfolge der DDR, andere Sportarten. Tatsächlich gehört es zu den ersten Amtshandlungen von Regierungen unabhängig gewordener Länder, nicht nur die Aufnahme in die Uno, sondern auch in die Fifa und das IOC zu beantragen. Im Falle Südafrikas hatte die Schwarze Oppositionsbewegung gegen das Apartheidregime 1963 ein eigenes Olympisches Komitee gegründet, das South African Non-Racial Olympic Committee (SANROC), und bereits Anfang der 1950er Jahre die South African Soccer Federation (SASF).
Tatsächlich gehört es zu den ersten Amtshandlungen von Regierungen unabhängig gewordener Länder, nicht nur die Aufnahme in die Uno, sondern auch in die Fifa und das IOC zu beantragen.
Nach dem Ende der Apartheid waren es vor allem die Ausrichtung und der Gewinn der Rugby-Union-WM 1995 sowie des Fußball-Afrika-Cups 1996, die den Anspruch des neuen demokratischen Staates ausdrückten, an der Weltpolitik teilzuhaben. Vorangegangen war der Wiedereintritt des lange ausgeschlossenen Landes in das IOC und die Fifa 1992. 1994 erfolgte dann die Wiederaufnahme in die Uno-Vollversammlung.
Beispiel Gibraltar: Bereits 1991 bemühte sich der Südzipfel der iberischen Halbinsel um eine Aufnahme in die Fifa. Aufgenommen wurde Gibraltar aber erst 2016. Geographisch scheint es zu Spanien zu gehören, und die Regierung in Madrid reklamiert es tatsächlich auch für ihr Territorium. Völkerrechtlich ist Gibraltar jedoch seit 1713 Teil des Vereinigten Königreichs. Der erste Aufnahmeantrag Gibraltars war von der Fifa ebenso abgelehnt worden wie ein weiterer von 2000.
In der Zwischenzeit hatte sich die Fifa – wie auch der europäische Verband Uefa– die Regel gegeben, dass ein Aufnahmekandidat Mitglied der Uno sein musste. Gibraltar wehrte sich juristisch, die Uefa nahm Gibraltar auf, und das Land trat 2014 zur EM-Qualifikation an. Es spielte unter anderem mit Deutschland in einer Gruppe, die DFB-Elf gewann einmal 7:0, ein anderes Mal 4:0. Die Aufnahme in die Uefa setzte die Fifa so weit unter Druck, dass auch sie letztlich einen Beitritt Gibraltars genehmigte.
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Leicht bearbeiteter Auszug aus:
Martin Krauss: Dabei sein wäre alles. C. Bertelsmann Verlag, München, 2024, 484 Seiten, 28 Euro
