29.01.2026
Die Springer-Medien flirten mit dem Trumpismus

Patrioten, die performen

Die Chefetage des Medienkonzerns Springer flirtet immer offener mit dem Trumpismus. Das schlägt sich auch im journalistischen Umgang mit Fakten nieder. Eine Kolumne zur medialen Restmülltrennung.

Das muss man den Konservativen lassen: Noch vor zehn Jahren hätte keiner gedacht, dass ausgerechnet von ihnen die zündende Idee kommen würde, wie der Profilschwäche aller größeren Parteien zu entkommen ist, die entstand, als die Konservativen ein bisschen liberaler und alle anderen viel neoliberaler wurden. Oder dass ­Artikel aus Die Welt, dem einst ödesten Blatt des erzkonservativen Axel-Springer-Konzerns, einmal als heißer Scheiß die sozialen Medien fluten könnten. Aber so ist es nun.

Mag die rabaukenhafte Rebellenpose des heutigen Welt-Herausgebers Ulf Poschardt, der von 2016 bis 2024 die Chefredaktion innehatte, diese Entwicklung auch befördert haben – den genialen Einfall, dem Konservatismus durch völlige Entkernung des Begriffs so was wie sex appeal und Strahlkraft zu verleihen, hatten weder er noch der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer SE, Mathias Döpfner. Schon gar nicht war es die nach der Ära Merkel stark fragmentierte CDU.

Döpfner und Poschardt sind echte Überzeugungs­täter.

Nein, es war der US-amerikanische Präsident Donald Trump, der mit seiner Maga-Bewegung die Richtung vorgab: Scheiß auf Fakten, Argumente, Wissenschaft, internationales Recht, Gewaltenteilung und Demokratie. Zurück zum archaischen Recht des Stärkeren, um eine Welt zu schaffen, in der individuelle Freiheit nur noch mittels wirtschaftlicher und politischer Macht erreicht werden kann, dafür dann aber absolut ist und Anspruch auf widerspruchsfreie Gefolgschaft bedeutet – ­innen- wie außenpolitisch.

Nun mag es überraschen, dass dieses Vorhaben von einem deutschen Medienkonzern wie Springer inzwischen so frenetisch affirmiert wird. Schließlich stehen hiesige Konservative gemeinhin ebenso auf Patriotismus und Nationalstolz wie die in den USA. Da sollte man doch denken, es fiele ihnen schwer, sich untertänig den Interessen eines narzisstisch-autokratischen Präsidenten jenseits des Atlantiks zu beugen. Doch die Leser goutieren den neuen Springer-Kurs, den man auch keinesfalls bloß auf Döpfners geschäftliche Expansionspläne in den USA zurückführen sollte.

Im Gegenteil: Döpfner und Poschardt sind echte Überzeugungs­täter. Nicht im Sinne dessen, versteht sich, was der Konservatismus einst unter transatlantischer Partnerschaft verstand, denn deren Basis bestand immer auch aus Demokratie, Liberalismus und der Idee universeller Menschenrechte – Wertvorstellungen, die Deutschland einst von den USA oktroyiert wurden, der Regierung Trump aber nur noch als Feindbild taugen. Wenn sich nun also Döpfner mittels eines eigenen Essays in der Welt auf diese Partnerschaft beruft (»Europa braucht Amerika. Amerika braucht Europa.«), um letztlich Unterwerfung zu fordern, ist das so substanzlos wie sein nebenbei für die konservative Seele in den Text ejakulierter Nonsensbegriff »Performance-Patriotismus«.

Die Springer-Boys wünschen sich den Trumpismus auch für Deutschland

Überzeugungstäter sind die Springer-Boys vielmehr, weil sie sich den Trumpismus auch für Deutschland wünschen. Dann nämlich wäre endlich Schluss mit dieser schrecklichen »Kastration der Gedanken durch eine Sprache der Uneigentlichkeit« (Hobby-Philosoph Döpfner).

Was genau dieses ominöse »Eigentliche« ist, das nicht wegkastriert werden soll, durfte den Bild-Lesern kürzlich das jungkonservative Shootingstarlet Julia Ruhs aufzeigen. Es ging um den schleswig-holsteinischen CDU-Ministerpräsidenten, dem man – nachweislich zu Unrecht – unterstellt hatte, in der Talkshow »Markus Lanz« ein Verbot rechtspopulistischer Portale wie Nius gefordert zu haben. Dazu kommentierte Ruhs: »Daniel Günthers ›Ja‹ zu mehr Zensur war unglücklich – und so wohl nicht gemeint. Trotzdem stehen seine Worte für etwas Größeres: den neuen Reflex, Medien pauschal in ›gut‹ und ›schädlich‹ für die Demokratie einzuteilen.«

Etwas, was Daniel Günther definitiv nicht gesagt hat, hat er »eigentlich« doch gesagt, weil man Rechtspopulisten nicht »Feinde der Demokratie« nennen darf

Heißt: Etwas, was Günther definitiv nicht gesagt hat, hat er »eigentlich« doch gesagt, weil man Rechtspopulisten nicht »Feinde der Demokratie« nennen darf. Denn: »Wer bestimmt, wer gut und wer schädlich ist für die Demokratie? Was guter und schlechter Journalismus, was Desinformation, Aktivismus, was Verzerrung ist? Etwa der Staat? Politiker? Wer das so sieht, kann die Pressefreiheit gleich einmotten.« So klingt er, der journalistische Trumpismus, der bei Springer nun wohl Redaktionslinie ist: Fakten sind völlig egal, und wenn die Definition eines Begriffs einem nicht passt, ist sie halt falsch.

Warum indes diese Abkehr von jeder Faktizität nicht etwa schlimmster Sudeljournalismus, sondern von geradezu staatstragender Bedeutung sei, erklärt der Welt-Redakteur Marc Felix Serrao eventuell noch zweifelnden Altkonservativen so: »Trump ist nicht Auslöser der Krise, sondern ihre bislang deutlichste politische Abwehrreaktion: gegen die Exzesse des Linksliberalismus.«

Nun meint der Mann zwar sicher nicht, dass die Krise selbst sich mit Trump gegen den sie bedrohenden Linksliberalismus wehrt. Aber wenn schon Fakten egal sind, dann Semantik wohl erst recht. Von Trump lernen, heißt eben auch stammeln lernen.

Stinkender Fisch in Altpapier

Markus Liske entsorgt in seiner medienkritischen Kolumne »Alles muss raus« das Altpapier des deutschen Medienbetriebs.

Bild:
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