29.01.2026
Die US-Filme des Jahres 1975 – und was sie über ihre Zeit verraten

Als New Hollywood starb: Amerikas Nervenzusammen­­bruch

Das Jahr 1975 markierte den Höhepunkt von New Hollywood – und gleichzeitig dessen Ende. So wird es oft gesagt, auch der Dokumentarfilm »Breakdown: 1975« schlägt in diese Kerbe. Er stellt die wichtigsten Spielfilme des Jahres vor, die er nicht nur als Reaktion und Reflexion ihrer Zeit präsentiert, sondern mit denen er auch eine subtile Parallele zur Gegenwart zieht.

Wie schreibt man ein gutes Sachbuch? Richtig, eine knallige These muss her, eine kühne Behauptung. Um solch eine aufzustellen, scheint es im Sachbuch-Business beliebt zu sein, sich ein spezifisches Jahr vorzunehmen.

Der Historiker Philipp Sarasin tat das beispielsweise in seinem Buch »1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart«; die endgültige Abwicklung der Arbeiterbewegung datierte er ebenso auf dieses Jahr wie den Aufstieg der Postmoderne, die Entwicklung des Heimcomputers und die Erfindung der Identitätspolitik.

Eine faszinierende Melange, die arg konstruiert wirken könnte, doch es gibt genug überzeugende Argumente dafür, für all diese Dinge das Jahr 1977 als entscheidend zu benennen. Der Journalist Mark Harris tat einmal etwas Ähnliches, als er sich für sein Buch »Pictures at a Revolution: Five Movies and the Birth of the New Hollywood« die für den Oscar nominier­ten Filme aus dem entsprechenden Jahr genauer anschaute und an ihnen den Übergang vom klassischen zum neuen Hollywood festmachte.

Nach Watergate herrschte Zynismus, so die Doku­mentation. Das führte dazu, dass das Kinopublikum plötzlich Filme ohne Happy End sehen wollte.

Die Ära des New Hollywood endete, so wird es oft kolportiert, im Jahr 1975, und zwar mit Erscheinen von Steven Spielbergs »Jaws«. Auch der neue Dokumentarfilm »Breakdown: 1975«, der gerade noch pünktlich zum Jubiläum im Dezember beim Streaming-Dienst Netflix anlief, wiederholt diese ohne Zweifel streitbare These. Der Doku-Essay von Oscar-Preisträger Morgan Neville, für den Jodie Foster das Voice-over eingesprochen hat, dreht sich um das Jahr 1975 in den USA – und dabei vor allem um die Spielfilme, die in diesem Jahr erschienen.

»Amerika hatte einen Nervenzusammenbruch«, sagt Foster mit ihrer unnachahmlichen Stimme, und tatsächlich hatte das Land allen Grund dazu: Die Watergate-Affäre, also der 1972 verübte Einbruch in der Zentrale der Demokratischen Partei mit dem Ziel, dort Wanzen anzubringen, führte schließlich 1974 zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon, der die Vertuschung dieses Vorgangs maßgeblich zu verantworten hatte und noch 1973 in einer berühmt gewordenen Rede verkündete: »Ich bin kein Gauner.«

Als im September 1974 Nixons Nachfolger Gerald Ford diesen präventiv begnadigte und so dafür sorgte, dass es zu keinem Prozess wegen Straftaten während seiner Amtszeit kommen konnte, war das ein Schock für die US-amerikanische Bevölkerung – und schlug sich, so die Macher von »Breakdown: 1975«, auch in den Filmen der Zeit nieder, und zwar in der Art, dass auf einmal am Ende eines Streifens nicht mehr die Guten siegten, sondern eben die Gauner, die Verschlagenen, die Bösen.

Robert Redford und Regisseur Alan J. Pakula bei den Dreharbeiten zu »All the President’s Men«

Watergate als Film. Robert Redford und Regisseur Alan J. Pakula bei den Dreharbeiten zu »All the President’s Men«, 1975

Bild:
picture alliance / Sammlung Richter

Ein Beispiel dafür ist der 1975 erschienene Film »Einer flog über das Kuckucksnest«, doch auch schon im 1974 veröffentlichten »Chinatown« von Roman Polanski lässt sich so etwas beobachten. Die Doku fasst den Film knapp zusammen: »Chinatown is America. The bad guys win.« Ein anderer Film, der im Sommer 1975 gedreht wurde, nahm sich ganz buchstäblich des Skandals an: »All the President’s Men« zeigte basierend auf Tatsachen die Recherchen der Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward zum Watergate-Skandal als Spielfilm.

Nach Watergate herrschte Zynismus, so die Doku. Das führte dazu, dass das Kinopublikum plötzlich Filme ohne Happy End sehen wollte. Der Schauspieler Patton Oswalt, einer der vielen talking heads in der Doku, fasst es so zusammen: »1975 war das Spitzenjahr, in dem man den Leuten wirklich einen deprimierenden Film zeigen konnte und sie dennoch in Scharen ins Kino strömten, um ihn zu sehen.« »Wir sahen eine Chance, wir rannten los und nutzten sie«, ergänzt der Regisseur Martin Scorsese, der ebenfalls interviewt wurde und hier nicht über die Zuschauer, sondern die Filmemacher spricht, denn irgendjemand musste die deprimierenden Filme ja drehen.

Hollywood war kaputt, die Studios wussten nicht mehr, was funktioniert. Auch deswegen drückte man beispielsweise einem Scorsese einfach Geld in die Hand und ließ ihn machen. Dieser kommt auch heute noch gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus, wenn er über diese Zeit spricht: »Alle alten Konven­tionen wurden weggewischt, und wir schufen eine neue Welt.«

»Hollywood-Filme waren damals Kunst«

Manche aber schießen beim Schwärmen über das Ziel hinaus: Wenn beispielsweise der Schauspieler Josh Brolin in der Doku erzählt, dass 1975 Filme gemacht wurden, die »keine Trends bedienten«, dann kippt das in Romantisierung, die aber der Analyse im Wege steht, welche sozioökonomischen, politischen und ästhetischen Faktoren in diesem Jahr zusammenkamen und dafür sorgten, dass eben jene Filme gemacht wurden.

Es geht aber noch schlimmer: Der Filmproduzent Peter Bart wird vollends unangenehm nostalgisch und erzählt in die Kamera: »1975 war das bedeutendste Jahr der Filmindus­trie – und es wird sich niemals wiederholen.« Nachdem aus dem Off der Subjektivismus per se gepriesen wird, lässt die Schauspielerin Ellen Burstyn das Publikum, wohl ohne es zu wollen, in elitärer Manier wissen: »Hollywood-Filme waren damals Kunst.« Die mitschwingende Behauptung, das alles sei eigentlich Underground, irgendwie fern des Marktes gewesen, überführt die Doku selbst als Lüge, wenn sie herausstellt, wie erfolgreich die Filme liefen und mitunter Studios vor dem Ruin bewahrten. Das Interessante ist hier nicht, dass es subkulturelle Topoi und unkonventionelle Herangehensweisen in Filmen gab (die gab es zu jeder Zeit), sondern dass große Teile der Bevölkerung diese sehen wollten.

So arbeitet das Material selbst immer wieder gegen die talking heads, zum Beispiel auch gegen den Filmkritiker Wesley Morris, der pathetisch sagt, die Filme Mitte der Siebziger seien »wirklich bereit gewesen, uns mit uns selbst zu konfrontieren«. Doch wer erkennt sich schon in einem Psychopathen wie Travis Bickle wieder, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Martin Scorseses »Taxi Driver«? Der Vietnam-Krieg war 1975 nach fast 20 Jahren zu Ende gegangen, der zurückgekehrte Veteran Bickle hat mit Schlafstörungen und Gewaltphantasien zu kämpfen – wahrlich nicht das Schicksal eines jeden Amerikaners.

Faye Dunaway als herrische Programmchefin in »Network«, 1976

Weiblicher Antiheld. Faye Dunaway als herrische Programmchefin in »Network«, 1976

Bild:
United Artists/AF Archive/Mary Evans

Dem Eindruck, dass damals jeder Film irgendwie progressiv, aufklä­rerisch oder gesellschaftskritisch war (der stellt sich nämlich irgendwann ein), stellt sich die Doku zum Glück in den Weg: »Death Wish«, der auf die exorbitante Kriminalität reagierte und die Geschichte eines Mannes (gespielt von Charles Bronson) erzählt, der in New York City Kriminelle erschießt (die meisten von ihnen sind Afroamerikaner), ist ein absolut re­aktionärer Film – ein in der Doku eingespieltes Interview mit Bronson, der darin erklärt, in »Death Wish« habe es nur »saubere Gewalt« gegeben, und dann dazu übergeht, sich über Cartoons zu beschweren, ist die wohl bizarrste Szene im Film.

»The state of the Union is not good«, sagte Präsident Ford im Januar 1975 vor dem US-Kongress, und es sind solche Szenen, die, wenn auch äußerst subtil, eine Parallele zur Gegenwart aufzeigen. Diese wird, wenn auch nie ganz ausbuchstabiert, so doch schon zu Beginn dennoch deutlich, wenn Foster die Doku im Off-Kommentar einen Film über »Amerika am Scheideweg« nennt. 1975 war die erste Ölkrise gerade überstanden, das Church Committee des Senats deckte illegale Aktivitäten der US-Geheimdienste wie Überwachung von Bürgern und Bürgerrechtsbewegungen oder Attentatspläne auf Staatschefs auf, New York City war so hoch verschuldet, dass die Müllabfuhr monatelang nicht arbeitete – das stellt sich unter Donald Trump nicht exakt genauso dar, doch eine Wirtschaftskrise und eine Krise des Rechtsstaats sind auch gegenwärtig zu beobachten. Was das mit der gegenwärtigen Konjunktur von CGI-Superheldenfilmen zu tun hat, wäre eine interessante Frage für einen anderen Dokumentarfilm.

Eine wirklich astreine Parallele ist allerdings eine popkulturelle, nämlich dass der Protagonist des 1975 gedrehte »Rocky« (der in der Doku überhaupt nicht gut wegkommt), ein Boxer, der sich als Außenseiter durchkämpft, überraschend viele Gemeinsamkeiten mit dem gegenwär­tigen US-Präsidenten aufweist: Beide sind beziehungsweise inszenieren sich als Underdogs, beide verkörpern den Mythos des Selfmade-Aufsteigers – es ist kein Wunder, dass der Rocky-Darsteller Sylvester Stallone heutzutage zu den Verehrern von Trump zählt und dieser Stallone zum »Sonderbotschafter« für Hollywood ernannt hat.

Erst mit »Rocky«, in dem der »Gute« am Ende gewinnt, kam die Entzauberung Amerikas zu ihrem Ende.

Doch am Ende sind all diese Koinzidenzen rein zufällig – und auch die Doku schummelt etwas, um das zu verschleiern: Viele der von ihr ins Zentrum gestellten Filme kamen gar nicht im Jahr 1975 in die Kinos. Das fällt besonders bei »Network« auf (einem Film, dessen Kritik der Medien und ihrer Sensationsgeilheit ebenfalls Übereinstimmungen mit der Gegenwart aufweist), der prominent besprochen wird, allerdings erst 1976 anlief. Doch durch »Network« kann die Doku einen Punkt machen, nämlich über Antihelden, die die Leinwände dieser Zeit bevölkerten – allesamt Männer, außer Faye Dunaways Figur Diane Christensen in »Network«, eine eiskalte und abgebrühte Programmchefin – die Dunaway mit großer Lust darstellte.

Nicht »Jaws« beendete New Hollywood, denn auch wenn er wohl der erste Blockbuster war, brach er nicht mit den anderen Filmen seiner Zeit; immerhin dreht er sich auch um Korruption, betrieb also die Entzauberung Amerikas (»de-glamorization«, wie die Doku es nennt und als zentralen Schauspieler dafür Jack Nicholson anführt). 

Erst mit »Rocky«, in dem der »Gute« am Ende gewinnt, kam diese Entzauberung zu ihrem Ende – spätestens 1977, als »Rocky« den Oscar für den besten Film erhielt und sich gegen »Network«, »Taxi Driver« und »All the President’s Men« durchsetzte.

»Breakdown: 1975« (USA 2025) kann bei Netflix gestreamt werden.