In Sachen RAF-Nostalgie
13. und 14. Januar 1976, Stuttgart-Stammheim: An zwei Prozesstagen tragen die RAF-Gefangenen im Prozess ihre Analyse der Verhältnisse vor und begründen so ihr Handeln als Guerilla. Dieses für den Prozess wesentliche Ereignis ist aber kaum ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Ganze fünf Zeilen widmet ihm die 600 Seiten lange Darstellung »Der Baader-Meinhof-Komplex« von Stefan Aust. Da Austs dicke Abhandlung bis heute die Grundlage für Spielfilme, Dokumentationen und Doku-Dramen bildet, wird nach wie vor viel über psychologische Deutungen spekuliert, wie Aust sie präferierte. Dabei wollte es Stephanie Bart nicht belassen, die bei ihrem Romanprojekt zu Gudrun Ensslin zwangsläufig auf die Prozesserklärung stieß, welche die RAF-Gefangenen in Stammheim erarbeiteten – im Herbst 1975, also vor 50 Jahren.
Ensslins Aktionen – Ensslin im Gefängnis
Der Zeithorizont des Romans greift allerdings weiter aus, er verfolgt den Weg Ensslins von 1965 bis 1977. Von der aktiven RAF-Zeit handeln die ungeraden Kapitel I, III und V: Die SPD-Wahlhelferin Ensslin lernt Andreas Baader kennen, beide verüben 1967 den Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus. 1970 befreien sie und andere spektakulär Baader aus der Haft, wobei sich auch Meinhofs berühmter Sprung aus dem Fenster in die Illegalität ereignete.
1972 folgt, im Zuge der »Mai-Offensive«, der Anschlag auf das Heidelberger Hauptquartier der US-Armee. Es gelingt der RAF angeblich, einen Zentralcomputer zu attackieren, der Ziele für Bombardierungen in Vietnam errechnete. Die Autorin schneidet beim Erzählen die Blickwinkel verschiedener Beteiligter scharf gegeneinander, das Geschehen muss entschlüsselt werden. Die Konzentration auf den Moment verweist auch auf die Anspannung des Handelns in Gefahr – das die Figuren Baader und Ensslin besonders schätzen.
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