27.11.2025
Ben Salomo, Autor und ehemalige Rapper, im Gespräch über Antisemitismus an deutschen Schulen

»Eltern schicken ihre Kinder nach Israel«

Seit sechs Jahren besucht der Rapper Ben Salomo deutsche Schulen und klärt dort über Antisemitismus auf. Über seine dabei gemachten Erfahrungen hat er vor kurzem zusammen mit dem Journalisten Christoph Lemmer das Buch »Sechs Millionen, wer bietet mehr? Judenhass an deutschen Schulen« veröffentlicht. Im Interview mit der »Jungle World« spricht er über die Bedeutung der Kufiya, seine Reise nach Israel zu den Tatorten der Massaker vom 7. Oktober 2023 und Antisemitismus an deutschen Schulen.

Mit welchem Gefühl haben Sie das Manuskript für Ihr Buch abgegeben?
Zunächst einmal war ich erleichtert und froh. Gleichzeitig war mir bereits beim Schreiben klar, dass all das, was ich als Jugendlicher und in den vergangenen sechs Jahren im Rahmen meiner Bildungsarbeit erlebt habe, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer schlimmer wird. Ich hoffe, dass die richtigen Menschen dieses Buch lesen und verstehen, welche Gefahr für die Demokratie droht, wenn nicht sofort etwas gegen den Antisemitismus, insbesondere an den Schulen, getan wird.

Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel hat der Antisemitismus an Schulen stark zugenommen. Wie geht es jüdischen Schülerinnen und Schülern Ihren Erfahrungen nach?
Die Lage war schon vor dem 7. Oktober nicht besonders gut. Wenn es jüdische Schüler an einer staatlichen Schule gab, verheimlichten sie entweder ihre jüdische Identität oder die Eltern haben sie auf eine jüdische Schule geschickt, sofern es eine solche in der näheren Umgebung gab. Ich beschreibe in meinem Buch eine ziemlich exemplarische Situation: Nachdem ich eine Veranstaltung für Erwachsene zum Thema Antisemitismus im Deutschrap absolviert hatte, kamen zwei Jugendliche auf mich zu, weil sie wussten, dass ich am nächsten Tag an ihrer Schule sein würde. Sie baten mich darum, ihre jüdische Identität dort nicht zu enttarnen. Ein anderes Mal kam nach einem Workshop, den ich an einer Schule gegeben hatte, eine jüdische Schülerin auf mich zu, sackte in meinen Armen zusammen und erzählte mir, was sie an ihrer Schule für antisemitische Ausgrenzungen erlebe. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich das alles verschlimmert.

Können Sie ein Beispiel für diese Anfeindungen nennen?
Ein Freund hat mir beispielsweise erzählt, dass sein Sohn in der zweiten Klasse von einem arabischstämmigen Mitschüler beleidigt und bedroht wurde: Er wolle alle Juden und Israelis umbringen. Er fühlte sich als Vater sehr hilflos, er sagte, die Schule tue nicht genug dagegen. Die Konsequenz war, dass er mit seiner Familie mittlerweile nach Israel ausgewandert ist, weil sie für sich keine Zukunft mehr in Deutschland gesehen haben.

»Die Lage war schon vor dem 7. Oktober nicht besonders gut. Wenn es jüdische Schüler an einer staatlichen Schule gab, verheimlichten sie entweder ihre jüdische Identität oder die Eltern haben sie auf eine jüdische Schule geschickt.«

Viele Eltern schicken ihre Kinder auch nach Israel zu dortigen Abiturprogrammen, um anschließend in Israel studieren zu können. Sie haben keine große Hoffnung mehr, dass ihre Kinder hier in Deutschland studieren, weil der ganze Antisemitismus nun von den Grund- zu den Ober- bis hin zu den Hochschulen durchgedrungen ist. Trotzdem ist es gesellschaftlich noch nicht verstanden worden, wohin diese Entwicklung führt, wenn es so weitergeht.

Sie sind ein halbes Jahr nach dem 7. Oktober 2023 nach Israel gereist.
Ich war Teil einer Delegation des World Jewish Congress. Wir haben in einer sehr intensiven Woche verschiedene Tatorte besucht, an denen das Massaker vom 7. Oktober stattfand. Die Folgen davon mit eigenen Augen zu sehen, war absolut grausam. Wir haben mit Überlebenden des Nova-Festivals, Angehörigen von Geiseln und Ersthelfern gesprochen. Jemand von der Polizei hat uns erzählt, dass es insgesamt 200.000 sichergestellte Videoclips der Täter gibt, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat. Bekannt ist ja nur dieser 47-Minuten-Film (der Film »Bearing Witness to the October 7th Massacre«, ein Zusammenschnitt der IDF-Pressestelle von Kameraaufnahmen, die die Hamas-Terroristen während ihrer Angriffe machten; Anm. d. Red.) und hier und da ein paar Ausschnitte, die in den sozialen Medien kursierten – das war alles schon furchtbar genug.

»Was wir viel zu wenig sehen, sind Demonstrationen, die sich auch dem Islamismus oder dem linken Antisemitismus entgegenstellen.«

Welche weiteren Eindrücke haben Sie von der Reise mitgenommen?
Als wir in einem Museum eine mit Musik unterlegte Fotosammlung von Opfern und Tatorten des 7. Oktobers gesehen haben, ist mir erst bewusst geworden – obwohl ich so nah dran bin als Jude, als Israeli, als jemand, der Familie hat in Israel, der gegen Antisemitismus arbeitet und der so vielen Quellen folgt, die mir ein Lagebild verschaffen –, dass ich nur einen Bruchteil von dem mitbekommen habe, was die Menschen an Ort und Stelle erlebt haben. Und da habe ich mich gefragt: Wenn bereits ich nur einen Bruchteil davon mitbekommen habe, wie viel von dem hat eigentlich den normaldeutschen Bürger erreicht, der diese Verbindungen und Erfahrungen nicht hat? Vor allem auch, weil unsere Medien hier nicht ausreichend und detailliert genug darüber berichtet haben. Da wundert es mich auch nicht, wenn sich hier in Deutschland so viele falsche Narrative und Halbwahrheiten haben ausbreiten können und es an Empathie mit Jüdinnen und Juden mangelt.

In Ihrem Buch widmen Sie einige Seiten der Auseinandersetzung mit der Kufiya, dem sogenannten Palästinensertuch. Bei Ihren Vorträgen bitten Sie regelmäßig Kufiya tragende Schülerinnen und Schüler, das Tuch in Ihrer Gegenwart abzulegen. Im Buch schildern Sie eine hitzige Diskussion, in der ein Mädchen sich weigerte und schließlich den Raum verließ, so dass Sie ihren Vortrag fortsetzen konnten. Haben Sie auch schon einmal einen Vortrag deswegen abgebrochen?
Die im Buch geschilderte Situation war bislang die erste und einzige, wo eine Trägerin sich so vehement weigerte, das Tuch abzunehmen. In allen anderen Fällen haben die Schülerinnen und Schüler es ohne großen Widerstand abgelegt. Oft war es auch so, dass ich von den Trägern nach meinem Vortrag selbst angesprochen wurde und sie sich bedankten – sie hätten es von zu Hause mitgebracht und hätten gar nichts gewusst von den historischen Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus, die hinter diesem Tuch stecken. (Der einflussreiche Großmufti von Jerusalem und Hitler-Verbündete Mohammed Amin al-Husseini ordnete in den dreißiger Jahren an, dass die arabische Bevölkerung die Kufiya als Symbol des Widerstands gegen die Juden zu tragen habe; Anm. d. Red.). Wenn wir die Geschichte der Kufiya nicht problematisieren, verpassen wir die Chance, bei einigen Trägern dieses Tuchs ein Umdenken auszulösen.

Der Antisemitismus der rechtsextremen AfD kommt in Ihrem Buch nur am Rande vor. Warum?
Man sollte die Rechtsextremen auf keinen Fall aus den Augen verlieren, im Gegenteil. Und als ich in Schulen in Thüringen war, hatte ich auch den einen oder anderen rechtsextremen Schüler in meinem Workshop. Was ich dort aber gleichzeitig gesehen habe, war eine engagierte Lehrer- und Schülerschaft, die dem etwas entgegengesetzt hat.

»Man sollte die Rechtsextremen auf keinen Fall aus den Augen verlieren, im Gegenteil.«

In Deutschland haben wir zum Beispiel wirklich große Demonstrationen, die sich gegen den Rechtsextremismus richten. Was wir aber viel zu wenig sehen, sind Demonstrationen, die sich auch dem Islamismus oder dem linken Antisemitismus entgegenstellen. Dabei ist es größtenteils dieser, der mir an den Schulen begegnet ist. Mir geht es also nicht darum, weniger Fokus auf Rechtsextremismus zu legen, sondern auch den Antisemitismus von links wie den von Islamisten zu kritisieren. Für uns Jüdinnen und Juden sind all diese antisemitischen Strömungen gleichermaßen bedrohlich.

Sie haben berichtet, dass belastende Situationen in Ihrer Arbeit viel häufiger geworden sind. Werden Sie Ihre Arbeit dennoch fortsetzen?
Wenn man mich als Jugendlichen gefragt hätte, was möchtest du mal später in deinem Leben tun, hätte ich sicher ganz andere Träume gehabt als Antisemitismusprävention oder Bildungsarbeit. Aber dadurch, dass der Antisemitismus mich mein ganzes Leben schon verfolgt und meinen Lebensweg unvorteilhaft mitgeprägt hat, kommt man irgendwann in die Rolle, sich dem entgegen­zustellen, wenn man in Würde leben will.
Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine Sache, aber es geht auch darum, jüdische Perspektiven nach vorne zu bringen. Das beinhaltet Fragen wie: Was sind jüdische Werte? Was ist die jüdische Geschichte? Was ist unsere Verbindung in die Region des Nahen Ostens und natürlich zu Israel? Was ist die jüdische Kultur und Religion? Wenn man denjenigen Leuten das Feld überlässt, die uns hassen, dann werden sie aus uns natürlich die Teufel mit Hörnern und die bluttrinkenden Kindermörder machen. Das ist wirklich ein Existenzkampf, deswegen mache ich das weiter.