Rechter Regenbogen
Das Logo leuchtet in Regenbogenfarben, der Text prangert »Genderideologie« und »Verstümmelung von Minderjährigen« an. Es handelt sich um den Social-Media-Auftritt der US-amerikanischen Organisation Gays Against Groomers (GAG), einer Anti-LGBT-Organisation, die als rechtsextrem eingestuft wird.
Bedient werden die üblichen Topoi: LGBT-Propaganda sei in den Schulen und der Öffentlichkeit omnipräsent, besorgte Eltern kämpften gegen die »Frühsexualisierung« und Indoktrination ihrer Kinder beispielsweise durch Drag-Shows. Das besondere an der Organisation ist, dass ihre Mitglieder homosexuell sind, was ihr in den USA ein größeres Medienecho garantiert. Gegründet hat sie vor drei Jahren Jaimee Michell, die seitdem als Vorsitzende fungiert. Mittlerweile gibt es Ortsgruppen in über 20 Bundesstaaten, eigenen Angaben zufolge hat die Organisation rund 150 Mitglieder.
Die Vorsitzende der Gays Against Groomers verglich geschlechtsangleichende Hormontherapien bei Jugendlichen mit den Experimenten des SS-Lagerarzts Josef Mengele an KZ-Häftlingen.
Michell vertritt GAG zumeist in den überregionalen Medien. 2022 lud der damalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson sie in seine Sendung ein, um den Amoklauf im queeren »Club Q« in Colorado Springs mit fünf Toten und 25 Verletzten zu kommentieren. Michell behauptete, derartige Schießereien würden weiter stattfinden, solange nichts gegen die »bösartige Agenda« der geschlechtsangleichenden Gesundheitsversorgung unternommen werde.
Im rechten Fernsehsender OANN hatte sie ein paar Monate zuvor geschlechtsangleichende Hormontherapien bei Jugendlichen mit den medizinischen Experimenten des SS-Lagerarztes Josef Mengele an KZ-Häftlingen verglichen. Schließlich würden diese »Radikalen in der Community (…) eine ganze Generation von Kindern als Laborratten für ihre kranke Ideologie nutzen«.
Seitdem folgten zahlreiche weitere Presseauftritte, Kampagnen und Demonstrationen der Organisation sowie Lobbyarbeit. Für ein im März 2023 verabschiedetes Gesetz in Arizona beispielsweise, das es ermöglicht, Drag-Shows in Anwesenheit von Kindern (oder wenn diese sich auch nur im selben Gebäude aufhalten) als schwerwiegende Straftat zu ahnden, bezog sich der Gesetzgeber auf GAG als Kronzeuge.
Gezielte Skandalisierung von Einzelfällen
Zur Medienstrategie von GAG gehört auch eine gezielte Skandalisierung von Einzelfällen. Ein Beispiel dafür ist der Fall von Mahoganie Gaston, der LGBT-Beauftragten eines Schulbezirks in Dallas im Bundesstaat Texas. Dort war 2021 ein Gesetz verabschiedet worden, das transsexuellen Kindern die Teilnahme an Sportgruppen untersagt, die nicht ihrem biologischen Geschlecht entsprechen. Anfang des Jahres suchte eine Reporterin des ultrakonservativen Blogs »Accuracy in Media« verschiedene texanische Schulbezirke auf, um verdeckt zu ermitteln, ob das Gesetz eingehalten wird.
Sie gab sich dabei als Mutter eines Transmädchens aus und äußerte Sorge über Diskriminierung ihres Kinds im Schulsport. Im Gespräch machte ihr Gaston klar, dass es Schlupflöcher gebe, um das Gesetz zu umgehen, etwa in dem man den Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde ändern lasse. Der Fall ging daraufhin durch die rechte Presse und auch GAG schrieb in einem diffamierenden Blogeintrag, Eltern würden beraten, wie sie ihren Sohn in eine Mädchenmannschaft bringen könnten.
Die NGO Southern Poverty Law Center (SPLC), die sich gegen Hass und Diskriminierung einsetzt, befasst sich schon seit längerem mit GAG, vor allem in Hinblick auf deren Nähe zur rechtsextremen Szene. 2023 nahm die Vorsitzende Michell eine Podcast-Folge mit Gavin McInnes auf, dem Gründer der rechtsextremen Gruppierung Proud Boys. Stolz teilte GAG im vergangenen Oktober ein Video auf ihrem Instagram-Account, in dem McInnes und der britische Rechtsextremist Tommy Robinson die Arbeit von GAG lobten.
Nähe zum verschwörungsgläubigen Qanon-Kult
Auch wenn GAG hauptsächlich durch Transphobie auffällt, sind die Übereinstimmungen mit anderem rechten Gedankengut zahlreich. Insbesondere der Vorwurf des Grooming, also dass Trans-Personen an Kindern vermeintliche pädosexuelle Neigungen ausleben würden, weist eine Nähe zum verschwörungsgläubigen Qanon-Kult auf.
Michell hat sich online immer wieder an der Verbreitung von Qanon-Verschwörungstheorien wie »Pizzagate« beteiligt, wonach demokratische Politiker in einer Pizzeria in Washington, D.C., einen Kinderhandelsring unterhielten. Nach Einschätzung des SPLC versucht GAG, die Dynamik der Qanon-Bewegung für sich zu nutzen. Offenbar mit Erfolg: GAG anzugehören, so schrieb es ein Mitglied auf X, »ist das stärkste ›Fuck you‹, das ich dem deep state entgegenbringen kann«.